Das heiße Sommersemester wird es nicht geben. Die Proteste gegen Studiengebühren werden ausbleiben, meint der streitBar-Autor Manuel J. Hartung. Die Gründe: Die meisten Studenten freunden sich mit dem Bezahlstudium an, die wenigen Protestler sind lethargisch.
So haben sich das die Studiengebühren-Gegner nicht vorgestellt. Für sie gibt’s bloß eine Randspalte in der Süddeutschen Zeitung - winziges Foto, kurzer Text, niederschmetternder Einstieg: „Der Auftakt bundesweiter Proteste gegen Studiengebühren gerät in München kleiner, als von den Veranstaltern erwartet.“ Über dem Artikel ein dreispaltiges Bild des Barmanns Charles Schumann. Er wirbt für sein neues Männerparfum – und „Del Mar“ scheint allemal interessanter als sonnenbebrillte Studentinnen, die alte Kalauer auf ihre Protestplakate gepinselt haben: „Geist ist geil“ oder „0190 – Studentinnen haben’s nötig, tested by Beate Uhse“.
„Kleiner als erwartet“ – das ist ein vernichtendes Urteil. Der Auftakt für die angekündigte Saison voller Demos ist fehlgeschlagen. Die Protest-Pleite von München ist nur ein Vorbote dafür, dass es in diesem Sommersemester an Deutschlands Unis ruhig bleiben wird.
Dabei hatten sich die organisierten Studiengebühren-Gegner richtig nach der Decke gestreckt. Von einer „Katastrophe für die Studenten und die soziale Gerechtigkeit“ war die Rede, als das Bundesverfassungsgericht Ende Januar das Verbot von Studiengebühren für nichtig erklärte und damit den Weg freimachte für ein Bezahlstudium. Direkt danach gab es Proteste, ganz wenige nur, ach ja, es war Klausurenzeit und danach, ach je, gab’s Semesterferien. Aber im Sommersemester, da sollte es richtig losgehen. Demonstrationen, Protestaktionen, das volle Programm, vielleicht sogar mit Nackedeis wie bei den letzten Großaktionen im Winter 2003. Jetzt im Sommer wäre es dafür auch wärmer, so es denn wasser- und schweißfeste Körperfarbe gibt.
Doch einen heißen Sommer der Proteste wird es nicht geben. Der lautstarke Widerstand gegen das Bezahlstudium wird ausbleiben. Vielleicht mal hier, mal dort Demos mit Plakaten und Trommeln. Doch nachhaltige Unruhe? Nein. Massenaufruhr? Mitnichten. Sit-ins und Blockaden? Nee.
Gegenfrage: Woher denn?
Denn die Studiengebührengegner sehen sich einer großen Gruppe von Studiengebührenfreunden gegenüber. Nach einer Handelsblatt-Umfrage sind gerade einmal drei von zehn Studenten der Meinung, es solle gar keine Studiengebühren geben – eine „schweigende Mehrheit“, wie die Zeitung schrieb, kann sich dagegen ein Bezahlstudium vorstellen. Mittlerweile sehnen sich auch viele Studenten nach geöffneten Bibliotheken, kleinen Seminaren und sanierten Gebäuden, kurzum: nach besserer Lehre – und sie sind bereit, dafür zu zahlen. Auch dass es Bezahlmodelle gibt, die sozial verträglich gestaltet sein können, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Erst lernen, dann zahlen – die Studiengebühren werden erst nach dem Abschluss des Studiums eingetrieben, dieses Modell finden viele Studenten gut. Für Proteste ist ein großer Teil der Studenten daher nicht zu haben.
Es sprechen aber noch drei andere Gründe für einen lauwarmen Sommer: Erstens ist die Protest-Bereitschaft unter Studenten im allgemeinen nicht sehr hoch. Stichwort: Ego-Taktiker. Jeder denkt an sich selbst und sein eigenes Fortkommen. Das mag man bedauern, ist aber so. Zweitens wirken die Studiengebührengegner in der Öffentlichkeit sehr lethargisch, so als glaubten sie selbst nicht daran, dass ihr Einsatz irgendetwas verändern könnte. Drittens hat sich die Gebühren-Euphorie unter den Bezahlstudiumsfans in der Politik etwas gelegt. Mies vorbereitet konnten sie kein ausgefeiltes Gebührenmodell vorlegen – und basteln nun im Stillen, versuchen viele rechtliche Hindernisse auszuräumen.
So gesehen spricht vieles dafür, dass die Studiengebührengegner viele Zeitungsartikel füllen werden – viele Randspalten. Viele kurze Texte, viele winzige Bilder. Und letztlich viele niederschmetternde Urteile.