2005-06-09

500 Euro: Der Startschuss zum Reformen-Langstreckenlauf
von Alexander Plitsch


Im Bus unterhalten sich zwei Aachener Studenten: Der eine: „Hast du schon gehört? Der Rüttgers will jetzt auch in NRW Studiengebühren einführen. Die kommen schon 2006.“ Darauf der andere: „Ist nicht wahr! Wer ist denn so blöd und zahlt für diese schlechten Zustände auch noch Geld?“

Ja, die schlechten Zustände. Der Aachener Student ist nicht allein mit seiner Meinung: Viele sind bereit zu zahlen - aber nur, wenn vorher die Situation an den Unis verbessert wird. Ein ähnliches Argument führt auch Streitbar-Autor Daniel Opper ins Feld, wenn er schreibt: „Staat und Länder, steckt Millionen und abermals Millionen mehr in unsere Schulen und Universitäten, und dann, in zehn Jahren vielleicht, wenn die Lehre und der Service den Studierenden ein hervorragendes Umfeld bietet . . . können wir den Dialog beginnen, was Studierende dafür zurück geben sollten.“

Doch diese Rechnung kann natürlich nicht aufgehen – sie ist naiv und zeugt von kurzfristigem Denken. Und wenn ein Student heute die Verantwortung von sich wegschiebt, dann steckt auch eine Spur Egoismus darin. Sollen morgen ruhig mal die anderen zahlen.

Überfüllte Seminarräume, aus den Nähten platzende Hörsäle, unterbesetzte Lehrstühle und eine marode Ausstattung – kurzum: ein katastrophales Lernumfeld prägt das Bild an den deutschen Universitäten. Damit sich die Situation verbessern kann, benötigen die Hochschulen Geld. Und zwar dringend. Sonst kann noch nicht mal der Anfang zur besseren, neuen Uni-Welt gemacht werden, die sich viele Studenten sehnlichst herbeiwünschen. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen ist das ohne private Einnahmen kaum mehr möglich. Und niemand hat schließlich ein größeres Interesse an einer Verbesserung der Lage als die Studenten selbst.

Natürlich braucht es Zeit, bis durch die neuen Einnahmen Erfolge an den Universitäten sichtbar und spürbar werden. Dass 500 Euro Gebühren nichts bewirken halte ich hingegen für eine Fehleinschätzung – vorausgesetzt, die Gelder fließen direkt den Hochschulen zu. Doch Studiengebühren sind nicht viel mehr als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Ihre Einführung müsste an einige Bedingungen geknüpft werden, um dem deutschen Bildungssystem wieder auf die Beine zu helfen. Besonders wichtig ist es, zu verhindern, dass die Länder ihre staatlichen Subventionen für die Hochschulen streichen. Vor allem sollten die Gebühren für die Verbesserung der Lehre eingesetzt werden. Denn Deutschland braucht bessere Studenten, die sich im internationalen Vergleich behaupten können. Auch sollte mehr Wert auf die Leistungsevaluation der Dozenten gelegt werden; am besten wäre ein System, dass eine leistungsgerechte Bezahlung für Professoren vorsieht. Gleichzeitig wäre es sinnvoll, die Studiengebühren für leistungsstarke Studenten zu senken.

Das Gespräch zwischen den Aachener Studenten geht weiter: Der eine: „Ich hab keine Ahnung, wie ich das bezahlen soll.“ Der andere: „Ja, bald können sich nur noch die Reichen in Deutschland ein Studium leisten.“

Die soziale Ungerechtigkeit – wohl das häufigste Argument der Gebührengegner. Doch auch das lässt sich einfach entkräften: Denn die Studiengebühren führen in Wahrheit zu einer Erhöhung der sozialen Gerechtigkeit in der Bildungsfinanzierung. Durch ein sinnvolles Darlehenssystem, ein Modell von nachlaufenden Gebühren und den Ausbau von Stipendien kann der befürchtete soziale Numerus Clausus vermieden werden. Gleichzeitig führen die Gebühren zu einem Ausgleich in der Finanzierung des Bildungssystems. Denn bislang finanziert der weit überwiegende Bevölkerungsanteil von Nichtakademikern, die im Durchschnitt weniger verdienen, das Studium der Akademiker. Ebenso finanzieren einkommensschwache Familien, aus denen eher wenige Kinder studieren, das Studium der Kinder aus einkommensstärkeren Familien.

Für die Gebühren spricht außerdem der internationale Standard – Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen ein Erststudium noch gebührenfrei ist. Die Erfahrungen anderer Länder zeigen, dass die Befürchtung, die Zahl der Studierenden würde dauerhaft abnehmen, meist grundlos ist.

Studiengebühren könnten somit ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Das deutsche Bildungssystem hat dringend Reformen nötig. Die 500 Euro, die nach Daniels Meinung nicht zu spürbaren Besserungen führen werden, dürfen nicht als einzige Maßnahme betrachtet werden. Sie könnten eine Art Startschuss für eine komplette Hochschulreform sein – einen Langstreckenlauf für die Bildungspolitik. Diese muss vor allem auf mehr Einfluss auf Bundesebene und einheitliche Strukturen in den Ländern abzielen. Denn Bildung ist nicht Ländersache, sondern das wichtigste Gut unserer Gesellschaft.


Bild

Die Antwort von Alexander Plitsch auf den Text "Die Wölfin am Schafspelz" von Daniel Opper.




Daniel schreibt zum Thema Agenda :

Will jetzt jeder seine persönliche Reformagenda darstellen oder wollen wir uns wirklich aufeinander beziehen? Ein bischen mehr Debattenkultur!


Sebastian schreibt zum Thema (kein Betreff) :

Kann die Kritik ehrlich gesagt nicht ganz nachvollziehen. Nimm's sportlich, Meister!


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