2005-09-06

Ein Nachruf in Blues
von Sebastian Christ und Daniel Opper

Die Menschen in New Orleans wussten, dass die Flut kommen wird. In diesem Jahr, oder irgendwann in der Zukunft. Doch statt Dämme zu bauen, hat man sich auf den Vodoo-Kult verlassen – den Regen wegzaubern, die Gefahr ignorieren und stattdessen Jazz für Touristen spielen. Kurz bevor die Flut kam haben die streitBar-Autoren Sebastian Christ und Daniel Opper die Stadt besucht, die jetzt zur Geisterstadt wird.


Es ist Januar 2005. Pete, der mich zu einem der berühmten Sümpfe nördlich von New Orleans bringen soll, verlässt die Interstate am riesigen See Pontchartrain. Er will mir noch ein bisschen mehr zeigen für sein Trinkgeld. Nicht weit vom See hat die NASA eine Werkshalle, hier werden Antriebsdüsen für die Space-Shuttle-Raketen gefertigt. Wer hier arbeitet, kann Stolz sein. Überall wehen amerikanische Flaggen. Die Regierung wollte damals ein Zeichen setzen: Auch der arme Süden kann Hightech produzieren – logistisch sinnvoll wäre die Halle in Florida gewesen, am Startplatz. Doch auch der Transrapid wird in Kassel zusammengeschweißt. Und nicht in China, wo er fährt. Die Fahrt geht weiter durch das Naturschutzreservat am See, vorbei an Häusern, die auf Stelzen stehen. Eher beiläufig erwähnt Pete, dass die Gebäude absichtlich so eigenartig aufgebockt seien. Für den Fall der Flut. Der Lake Pontchartrain ist eine gigantische Wasserfalle, sein Seespiegel liegt oberhalb der Stadt. Über die Jahrzehnte haben die Menschen das Wasser mit Dämmen von den Häusern weggesperrt. Im schlimmsten Fall, wenn die Dämme brechen, läuft New Orleans voll wie eine Badewanne. Und dann steht hier alles meterhoch unter Wasser. An der Nordseite des Sees entstehen Luxusvillen mit kleinen Bootsanlegern. Pete schwärmt von den Häusern, doch als Busfahrer wird er hier nie einziehen können. Ein Segelboot hat er auch nicht, aber ein kleines Haus am Stadtrand von New Orleans. Sowohl die Villen hier wie auch Petes Haus liegen unterhalb des Pontchartrain.

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Seltsame Eindrücke an diesem Nachmittag im März. Die Bourbon Street ist voll von Menschen, jetzt schon. Überall Straßenmusiker. Dicke Backen, fotografierende Touristen. Meine Schuhe sind durchgelatscht, in der Tasche steckt ein Batzen Eindollarscheine. Ich gehe Richtung Mississippi und drehe mich einmal um die eigene Achse. Vor mir brodelt der großartige amerikanische Fluss, breit wie ein See. Ich schaue flussaufwärts, von wo aus jede Sekunde noch mehr Millionen Liter Wasser heranrauschen. Die Raddampfer ziehen Schrumpfwellen hinter sich her, am Himmel stehen viele, viele Wolken - klein wie Tempotaschentücher. New Orleans ist das große Finale des Mississippi. Hier ist er am amerikanischsten: groß, frei, unberechenbar und doch irgendwie bewundernswert. Von hinten höre ich eine Stimme. „Hey Freund, wie geht’s? Hast du Lust, heute Abend was Tolles zu erleben?“ Ich drehe mich um und sehe einen Penner, der an der Uferpromenade sitzt. „Du bist aus Deutschland? Ich hab mal ein deutsches Mädchen gehabt, sie hieß Helga. Übrigens, ich bin Frank.“ Seine Hände sind rau, sein Gesicht wirkt verbraucht. Er hat einen Stapel Prospekte auf seinen Schoß, Programme von Jazz-Clubs. „Ich zeige Dir was. Das sind Läden, die weit jenseits der T-Shirt-Geschäfte liegen. Ist was für echte Fans.“ Ich vergesse alles, was ich bisher in dieser Stadt erlebt habe. Jetzt, hier, genau in diesem Moment fühle ich mich nicht mehr allein. Mein Trip hat gerade erst begonnen.

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Die Menschen in New Orleans wussten, dass die Flut kommen wird. In diesem Jahr, oder irgendwann in der Zukunft. Bereits 1927 wurde Louisiana überflutet, überall in der Stadt findet man Gedenkschilder. Selbst der berühmte Zoo hat in seinem Sumpfbereich Wrackteile von Autos aus der damaligen Zeit ausgestellt, die von der Flut weggeschwemmt wurden und in denen heute Krokodile hausen. Doch statt Dämme zu bauen, hat man sich auf den Vodoo-Kult verlassen – den Regen wegzaubern, die Gefahr ignorieren und stattdessen Jazz für Touristen spielen. Auch aus dem Hurrikane Betsy, der 1965 zur kleinen Katastrophe führte, hat man nicht gelernt. Die Stadt hat die Landflüchtigen aufgefangen, die der weite Süden ausgespült hat, seitdem die Landwirtschaft automatisiert wurde. Zwei Drittel sind Schwarze. Sie sind es, die in den unter dem Meeresspiegel siedelten, wo niemand je hätte bauen sollen, seitdem klar war, dass das Gebiet jährlich Zentimeter für Zentimeter sinkt. Sie sind es, die dem Aufruf nicht folgen konnten, die Stadt zu verlassen, weil sie kein Auto hatten und es in dem ganzen Gebiet kein intaktes öffentliches Verkehrsnetz mehr gibt. Am Bahnhof von New Orleans halten täglich 6 Züge, es ist die größte Stadt in Louisiana.

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Abends: Kurzes Entsetzen. Franks Club hat geschlossen. Kein Ärger, nur Entdeckungstrieb. Ich renne Richtung Leben: durch das French Quarter, dann die Canal Street einmal ganz runter. Ich suche einen Ort, an dem Gewinner geboren werden. Das unwirklich große Kasino-Hotel am Mississippi ist offen. Ausweiskontrolle am Eingang, ein freundliches Lächeln. Vor mir ein gigantischer, wild blinkender Spielplatz für Erwachsene: Dutzende, ja vielleicht sogar Hunderte silbern funkelnder Automaten mit farbig aufflammenden Computerdisplays. Die einarmigen Banditen funktionieren im 21. Jahrhundert voll automatisch, sie versprechen nichts mehr. Man kann weder den Hebel ziehen noch Münzen klimpern hören. Meistens sitzen nur Rentner vor ihnen und verzocken hohe Summen. Gewinne werden per Scheck ausgezahlt. Ich setze 20 Dollar, gewinne 30 und tausche alles in Spieljetons. Kasinos scheinen besonders auf Männer einen besonderen Reiz auszuüben. Frauen trifft man in dem düster-fröhlichen Ambiente nur selten, und wenn dann tragen sie tief ausgeschnittene Kleider und servieren den durstigen Daddelkönigen Drinks. Besoffene Zocker sind bessere Kunden. An den Roulettetischen versuchen einige Gäste mit System zu setzen. Sie scheitern. Und machen doch weiter. Spielen, das ist ein besonderer Reiz: Alles setzen, alles verlieren. Und doch mit der Hoffnung, aus der Finsternis einer durchzechten Nacht plötzlich als Held mit vollen Taschen die Treppen runter zu stiefeln und alles Glück der Welt in den Himmel von New Orleans zu schreien. Am Glücksrad steht eine Frau mit einem freundlichen Gewinnerlächeln und einem knappen Silberfummel am Leib. Sie nimmt die Einsätze entgegen. Innerhalb von zehn Minuten verliere ich meinen ganzen Gewinn. Es fühlt sich erhaben an. Ich renne zurück zur Bourbon Street.

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Der Jackson Square ist das Herz des French Quarter. Vom Moonwalk her, der Promenade, die den Mississippi auf der anderen Straßenseite begradigt, fallen abends Nebelschwaden wie dicke Wattepuschel in den Park hinab. Die Szenerie, getaucht in fahles Laternenlicht, könnte aus einem Sherlock-Holmes Film stammen. Das gruselige Schauspiel verdankt das Viertel seiner Tiefe – es liegt Meter unterhalb des Mississippi River. Während die Holländer den Algonquin-Indianern den Felsen „Manna-hatta“ für 60 Gulden abkauften und darauf die Stadt New Amsterdam, das heutige New York, auf festem Stein gründeten, bauten die Kolonisten aus Frankreich im Süden auf Schwemmsand. Jean-Baptiste Le Moyne gründete 1718 die Stadt La Nouvelle-Orléans als neues Zentrum der Kolonie Louisiana. Schon damals sah er die Macht des riesigen Flusses Mississippi und seinen Ausdehnungen, daher entschloss er sich auf einer Anhöhe zu bauen, an der Stelle die heutige Altstadt New Orleans liegt, das French Quarter. Das ganze Gebiet bestand aus Sedimenten des Flusses, die in den letzten 2500 Jahren angeschwemmt wurden. Was Le Moyne nicht wusste war, dass sich ringsum ein Hunderte Meter tiefer Sumpf befindet, in den das Sediment absinkt. Seitdem der Mississippi von den Franzosen und später von den USA eingedeicht wurde, sinkt New Orleans jedes Jahr um etwa 8 Millimeter. Bereits 1910 mussten Pumpen installiert werden, um die Stadt dauerhaft trocken zu halten. Durch die Trockenlegung und ein ausgeklügeltes Drainagesystem konnte die Stadt seitdem um erhebliche Flächen Bauland erweitert werden. Natürlich hat niemand daran gedacht, dass die Pumpen eines Tages ausfallen könnten. Kaum einer dachte an die Gefahr. Es hieß: Um die Pumpwerke lahm zu legen wäre eine Atombombe nötig gewesen, die alle Elektrizitätswerke verschmort. Oder ein Hurrikan.

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Auf der Bourbon Street ist die Hölle los. Besoffene Springbreaker, die mit grünen Glasperlenketten unsicher über den Asphalt wanken. Mädchen, die vor Begeisterung Songs nachkreischen, die sie gerade in einer der aberwitzig vielen Bars gehört haben. An der Tür einer Karaokespelunke winkt mich ein Türsteher hinein. Auf der Bühne flippt gerade eine betrunkene, gutaussehende Mitdreißigerin aus, die sich mit kreisenden Hüftbewegungen an den Animatuer schmiegt und in unregelmäßigen Abständen Textzeilen aus „I love Rock and Roll“ nachschnurrt. In New Orleans vergessen die Menschen für ein paar Tage alles, was Selbstbeherrschung und Zurückhaltung heißt. Sie sind – Menschen. Nur etwas wilder. Im Publikum laufen junge Verkäuferinnen mit schnapsbefüllten Reagenzgläsern herum. Ein neues Partyspiel. Für drei Dollar stecken sie sich das Röhrchen zwischen die Brüste. Männer saufen den billigen Sprit mit gesenktem Kopf aus. Nicht selten geht etwas daneben. Es sieht irgendwie grotesk aus. Doch die Mädchen verziehen schon lange nicht mehr ihre Gesichter. Eine sagt, dass sie noch nie so viel bei einem Ferienjob verdient hätte. Sie knüllt gerade einen weiteren Zehndollarschein in ihren Büstenhalter. Auf der Bourbon Street kann man mitternachts kaum mehr laufen. Besoffene fallen nicht, sie werden nur noch weiter geschuppst. Die Hardrock-Band in der Straßenkneipe spielt „Paradise City“. Alle singen mit, so gut es noch geht. Das Lachen, das Singen, die Musik. Man sagt, dass der Spaß die einzig harte Währung in einem Land sei, dass vor Problemen und Konflikten zu spalten droht. Naives Vergnügen war noch nie unmoralisch, selbst wenn einige das Gegenteil behaupten. Am Mississippi sind alle gleich: Sie wollen sich und die Welt eine Zeit lang vergessen. Wild schwankende Körper mit klackernden Glasperlenketten: Das ist der Herzschlag von New Orleans. Das war der Herzschlag von New Orleans.

***

Die Sonne scheint, durch die Straßen fahren Boote. Im Wasser schwimmen Leichen, die Luft riecht widerlich süß. Im French Quarter schießen Diebesbanden auf wehrlose Passanten, Mädchen werden vergewaltigt, Männer zusammengeschlagen. Die Geschäfte sind ausgeraubt, und weil die Plünderer auch fünf Tage nach dem Hurrikan immer noch nicht genug haben, wurde das Kriegsrecht über die Stadt verhängt. Ein Mann im klatschnassen T-Shirt ist verzweifelt. Vielleicht sind 10 000 Menschen in seiner Stadt ums Leben gekommen. Durch die Flut. Es ist Ray Nagin, Bürgermeister von New Orleans.

Er sagt: „Wir sind überfordert, frustriert, uns gehen die Mittel aus.“

Er sagt: „Ich brauche Polizei, ich brauche Truppen, ich brauche Busse!

Er sagt: „Kriegt eure Ärsche hoch, tut was!“

Er sagt: „Diese Stadt wie nie wieder dieselbe sein.“


Bild

Fotos: Daniel Opper




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