Es ist Samstag Morgen, der 17. September, der letzte ordentliche Tag der rotgrünen Bundesregierung. Morgen Abend um 18 Uhr ist es vorbei. Schön war die Zeit. Abschiedsmomente…
Frühstückstisch. Die HNA, die Lokazeitung, kührt in ihrer Inforgrafik aus Versehen Merkel schonmal zur Kanzlerin. Der SPIEGEL, der pünktlich vor der Wahl erscheint, gibt eine Anleitung mit auf den Weg, was man als Kanzler alles zu tun hat, welche Flugzeuge und Autos man benutzen darf, wie groß sein Büro ist, und wie das Protokoll zur Amtseinführung aussieht. Würde Schröder Kanzler bleiben, wäre eine solche Anleitung überflüssig. Auch Medien machen Politik.
Es ist Samstagmorgen, ein schöner sonniger Morgen, aber auch schon kalt, herbstlich. Im Radio warnt der HR vor dem ersten Bodenfrost in der kommenden Nacht zum Sonntag. Der letzte Tag vor dem Frost.
Auf dem Weg in die Stadt. Der Liter Otto-Normal kostet 1,34 bei Esso. Bei der Freien am DEZ sind es 1,29 - die Autos stehen bis auf die Straße schlange.
In der Kasseler Markthalle herrscht reges Treiben am Samstagmorgen. Hier trifft sich die Toscanafraktion der Stadt zum italienischen Brunch. Hier zwischen den Bioständen ist Grünenhochburg, hier kocht Mathias Berninger, der Grüne Spitzenkandidat und Staatssekretär, Reispfanne und Bioflammkuchen. Dazu gibt es Apfelsaft ohne Pestizide. Und ein optimistisches Lächeln, morgen ist Wahltag. Neben ihm am Stand steht Laura – sie hat sich in den Semesterferien ein paar Tage frei gemacht um das Projekt ihrer Elterngeneration zu retten, an das auch sie glaubt. Die Gespräche am Stand hingegen drehen sich um das „danach“. Morgen ist Schluss mit dem rotgrünen Projekt, das weiss hier jeder, dafür gibt es keine Mehrheit mehr, ob die jemals wieder kommt ist fraglich. Dennoch: Auch in der Opposition werden wir uns reinknien, meint die dritte Köchin! Die kennen die Grünen, und manch einer, der von den letzten 7 Jahren enttäuscht war, sagt, in der Opposition sind die Grünen eigentlich immer besser gewesen.
Draussen frischt der Wind auf, weisse Wolkentürme ziehen über den stahlblauen Himmel. Es ist ruhig, die Menschen sind freundlich und entspannt, ihre Gesichter voller Ferienbräune. Weder durfte man seit rotgrün nur noch alle fünf Jahre einmal fliegen, noch kostet der Liter Sprit durch die Ökosteuer fünf Mark. Arbeitslos ist hier auch keiner geworden. Nicht alles ist besser geworden, aber auch nicht vieles anders.
Am Fullekai stehen die Ausflugsdampfer. Rentnerpärchen bilden eine brave Schlange davor. An Bord spielt ein Lautsprecher „Griechischer Wein“ und „Rote Rosen“, auf Deck wird großzügig Hefeweizen ausgeschenkt, man holt sich das Oktoberfest in die Nordhessische Provinz. Auch hier Entwarnung: Die Rente ist sicher. Ein Opa lacht, jaja, alles wird gekürzt und weggespart, aber uns, uns betrifft das ja zum Glück alles nich´ mehr. Schwein gehabt.
In der Unterneustadt, Kassels "Lower Eastside", sitzen die Yuppies der Stadt im Promenadenkaffee und lassen sich die Sonne auf die Stirn brennen, während sie sich unten schon in Wolldecken einwickeln. Üben für den kommenden Skiurlaub. Viele haben hier Kinder, viele fahren Fahrrad, viele wohnen in den neuen Wohnungen mit Solardach und Erdwärmeheizung. Zwei Kinder, zwei Eltern; macht 4 Stück Kuchen, 2 Milchkaffee, 2 Bionaden, 2 Wasser: 23 Euro plus Trinkgeld. Die Aussicht am Fluss ist überragen. Die Gespräche am Nachbartisch kreisen um die Wahl. Die große Koalition wäre eine Katastrophe für die SPD. Dann würde genauso gestritten wie jetzt im Bundesrat. Im Ergebnis noch weniger Reformen. Dann doch vielleicht lieber schwarzgelb, die wären sich wenigstens einig und könnten mal zeigen, wie sie die Arbeitsplätze herschaffen, die sie so lauthals versprechen. Der Filius rempelt in seinem Kettcar gegen den Tisch, alle Tassen fliegen um. Unbeeindruckt deutet der Junge auf den Fluss, wo gerade eine kleine Privatjacht vorbeifährt. Guck mal Papa, das Schiff da, wie viel kostet das?
Königsstraße, Einkaufsmeile. Vom Dach des Kaufhofs, oben drauf ist ein Parkdeck, regnet es auf einmal Scheine. Nein, doch nicht, sind Flyer von der NPD. Der Junge von den Liberalen, der unten seinen Stand hat, weiss nicht genau wie er reagieren soll - er steht da wie ein begossener Pudel. "Fremdarbeiter stoppen" anstelle von Flattax.
Im Kaufhof tobt der Bär. Zwar nicht in Kassel, aber irgendwo in Deutschland hat der hundertste Kaufhof augemacht, das muss mit "Jubelpreisen" gefeiert werden. Der DVD Spieler für 29 Euro zum Beispiel. Ja, und darauf gibt es auch noch Payback Punkte. Deutschland geizt, aber kauft. Im SPIEGEL vom Frühstückstisch erklärt der US-Ökonom Paul Samuelson das Paradox der globalisierten Wohlstandsspirale: Dank der Billigimporte des Freihandels stieg der Wohlstand gerade für die unteren Schichten unsere westlichen Industrieländer in den letzten hundert Jahren um schier unglaubliche Dimensionen. Der Preis dafür sind die Arbeitsplätze eben dieser Schichten. Die Globalisierung ist kein win-win Spiel.
In der Fernsehabteilung läuft ein Nachrichtenkanal. Fischer war zum letzten Mal als Außenminister in New York. Er sieht zerknirscht aus vor dem UN Gebäude. Auch hier keine Reform. Aus der Traum.
Grüner Weg. So heisst die Straße, die zum Kasseler Arbeitsamt führt. Der Bau ist groß, der Parkplatz menschenleer. Es ist Samstag, heut´ kein Jobtraining, keine Eurojobs. Heute keine enttäuschten Gesichter auf langen Gängen. Keine Probleme. Keine Kompromisse. Kein anderes Bier.
Kulturbahnhof. Geschäftiges Treiben. Ein Fest wird aufgebaut. Vor 10 jahren wurde der alte Hauptbahnhof zum Kulturtempel, ein Arthousekino, der Lokalsender, drei Galerien und ein mondänes Bistro zogen ein - und der Fernverkehr um nach Wilhelmshöhe. Heute abend spielt die Mozartband. Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Draußen strahlt Angie siegessicher: EIN NEUER ANFANG.