Man stelle sich das Folgende in Deutschland vor: Ein Bier, das einfach nur
„Deutsch“ heißt. Ein Werbespot, in dem ein junger Mann Dinge aufzählt, die
er an seinem Land liebt. Er endet mit dem stolzerfüllten Satz: „Mein Name ist
Michael, und ich bin deutsch!“ Und erst während dieser letzten Worte kommt
für einen kurzen Moment das Bier ins Bild, um das es eigentlich geht.
Unvorstellbar? In Deutschland vielleicht, in Kanada nicht. Dort veröffentlichte
eine Brauerei vor einigen Jahren genau diesen Werbefilm, um den Absatz
ihres „Canadian“-Biers zu steigern.
Der junge Mann heißt in Kanada Joe, und am Ende seiner 90-Sekunden-
Rede betont er, dass „Kanada das zweitgrößte Land der Erde, die beste
Nation im Eishockey und der schönste Platz in Nordamerika“ ist, gefolgt von
dem lautstarken Bekenntnis: „My name is Joe, and I am Canadian!“
Dieser Werbespot hat einen Nerv getroffen in einem Land, dessen
Einwohner sich von den Nachbarn im Süden unbedingt unterscheiden
wollen. Denn viel zu oft wird Kanada von außen nur als Anhängsel der USA
gesehen - und als nicht ganz ernst zu nehmendes noch dazu.
Der Chefredakteur der größten Zeitung des Landes beschrieb das Dilemma
seiner Landsleute kürzlich so: „Wir definieren uns nicht über das, was wir
sind, sondern über das, was wir nicht sind.“ Und Jay Jurisich, Creative
Director einer Werbeagentur, bringt es auf den Punkt wenn er sagt: „Wer an
Kanada denkt, denkt nur an Dinge wie Schnee, Iglus und Eishockey - dabei
gibt es hier so viel mehr.“
Die Kanadier selbst wissen das natürlich - und sie zeigen gerne, wie stolz
sie auf ihr Land sind: Die rot-weiße Flagge mit dem Ahornblatt ist
allgegenwärtig. Viele Firmen werben damit, dass sie „proudly Canadian“
sind. Und wer auf dem Weg in die Disco mit seinen Freunden die
Nationalhymne singt, muss sich über verwirrte Blicke seiner Mitmenschen
keine Gedanken machen.
Von diesem unverkrampften Verhältnis zur eigenen Nation können wir als
Deutsche noch viel lernen.
Sicher, es ist Zufall, in welchem Land man auf die Welt kommt. Aber wer sich
seiner Besonderheiten bewusst ist, hat auch das Recht darauf, stolz auf sie
zu sein. Und wer gerne die Symbole seiner Nation präsentiert, ist noch
lange kein dumpfer und ewiggestriger Nationalist.
Im Gegenteil: Patriotismus kann erfrischend und fröhlich sein. Das beweist
Kanada, das Jahr für Jahr Millionen Touristen anzieht. Und die meisten von
ihnen lassen sich von der Liebe der Kanadier zu ihrem Land schnell
anstecken - wer nimmt nicht wenigstens ein Baseballcap, einen Aufnäher
oder ein T-Shirt mit nach Hause, auf dem die Maple-Leaf-Flagge prangt?
Ich werde mir daran auf jeden Fall ein Beispiel nehmen. Schließlich ist
Deutschland ein großartiges Land: reich, sozial, abwechslungsreich und
noch so viel mehr. Vieles weiß man (leider) erst zu schätzen, wenn man es
mit einigem Abstand betrachtet - aber das macht es nicht weniger
liebenswert.
Vielleicht gibt es irgendwann ja sogar ein
Bier, dass nicht nur wie eine deutsche Stadt heißt, sondern wie das ganze
Land - und niemand stört sich daran.
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