2005-09-21

Ein Ahornblatt in Schwarz-Rot-Gold
von Dirk Siebels

In Kanada gibt es ein Bier, das "Canadian" heißt und das fröhliche Nationalgefühl der Landsleute zum Verkaufsargument erhebt. Stolz auf das Heimatland zu sein, ist dort eine fröhliche, unverkrampfte Selbstverständlichkeit. In Deutschland ist das natürlich undenkbar. Doch Dirk Siebels fragt sich, ob das immer so bleiben muss.


Man stelle sich das Folgende in Deutschland vor: Ein Bier, das einfach nur „Deutsch“ heißt. Ein Werbespot, in dem ein junger Mann Dinge aufzählt, die er an seinem Land liebt. Er endet mit dem stolzerfüllten Satz: „Mein Name ist Michael, und ich bin deutsch!“ Und erst während dieser letzten Worte kommt für einen kurzen Moment das Bier ins Bild, um das es eigentlich geht. Unvorstellbar? In Deutschland vielleicht, in Kanada nicht. Dort veröffentlichte eine Brauerei vor einigen Jahren genau diesen Werbefilm, um den Absatz ihres „Canadian“-Biers zu steigern.

Der junge Mann heißt in Kanada Joe, und am Ende seiner 90-Sekunden- Rede betont er, dass „Kanada das zweitgrößte Land der Erde, die beste Nation im Eishockey und der schönste Platz in Nordamerika“ ist, gefolgt von dem lautstarken Bekenntnis: „My name is Joe, and I am Canadian!“ Dieser Werbespot hat einen Nerv getroffen in einem Land, dessen Einwohner sich von den Nachbarn im Süden unbedingt unterscheiden wollen. Denn viel zu oft wird Kanada von außen nur als Anhängsel der USA gesehen - und als nicht ganz ernst zu nehmendes noch dazu.

Der Chefredakteur der größten Zeitung des Landes beschrieb das Dilemma seiner Landsleute kürzlich so: „Wir definieren uns nicht über das, was wir sind, sondern über das, was wir nicht sind.“ Und Jay Jurisich, Creative Director einer Werbeagentur, bringt es auf den Punkt wenn er sagt: „Wer an Kanada denkt, denkt nur an Dinge wie Schnee, Iglus und Eishockey - dabei gibt es hier so viel mehr.“

Die Kanadier selbst wissen das natürlich - und sie zeigen gerne, wie stolz sie auf ihr Land sind: Die rot-weiße Flagge mit dem Ahornblatt ist allgegenwärtig. Viele Firmen werben damit, dass sie „proudly Canadian“ sind. Und wer auf dem Weg in die Disco mit seinen Freunden die Nationalhymne singt, muss sich über verwirrte Blicke seiner Mitmenschen keine Gedanken machen.

Von diesem unverkrampften Verhältnis zur eigenen Nation können wir als Deutsche noch viel lernen.

Sicher, es ist Zufall, in welchem Land man auf die Welt kommt. Aber wer sich seiner Besonderheiten bewusst ist, hat auch das Recht darauf, stolz auf sie zu sein. Und wer gerne die Symbole seiner Nation präsentiert, ist noch lange kein dumpfer und ewiggestriger Nationalist.

Im Gegenteil: Patriotismus kann erfrischend und fröhlich sein. Das beweist Kanada, das Jahr für Jahr Millionen Touristen anzieht. Und die meisten von ihnen lassen sich von der Liebe der Kanadier zu ihrem Land schnell anstecken - wer nimmt nicht wenigstens ein Baseballcap, einen Aufnäher oder ein T-Shirt mit nach Hause, auf dem die Maple-Leaf-Flagge prangt? Ich werde mir daran auf jeden Fall ein Beispiel nehmen. Schließlich ist Deutschland ein großartiges Land: reich, sozial, abwechslungsreich und noch so viel mehr. Vieles weiß man (leider) erst zu schätzen, wenn man es mit einigem Abstand betrachtet - aber das macht es nicht weniger liebenswert.

Vielleicht gibt es irgendwann ja sogar ein Bier, dass nicht nur wie eine deutsche Stadt heißt, sondern wie das ganze Land - und niemand stört sich daran.





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