Unbedarft schlendere ich durch eine Gasse Kopenhagens, genieße den vielleicht letzten Sommertag, und da schaut es mich an. Das schönste Fahrrad aller Zeiten. Und es schreit förmlich danach von mir gekauft zu werden. Elegant sieht es aus, mit seinem hohen Lenker und dem schwarzen Rahmen.
Sollte sich mein Traum vom Hollandrad etwa hier oben im Norden erfüllen? Nach ersten Annäherungsversuchen, kann ich mich überwinden, mich auch nach dem Preis zu erkundigen. Zu Beginn eines neuen Semesters sind Räder in Kopenhagen nämlich verdammt teuer. Aber ohne Fahrrad – das geht gar nicht. Im Land der Fahrradwege ist auch die Hauptstadt fest in der Hand der Radfahrer. Und schließlich ist Fahrradfahren ja auch gesund. Also ist es gekauft, mein erstes „Mormorcykel“ – wörtlich übersetzt Großmutterfahrrad - und sorgt dafür, dass ich auch nach durchfeierten Nächten und mit vom Wind zerzausten Haaren noch blendend aussehe.
Nur ein Drittel aller Pendler kommt jeden Morgen mit dem Auto in die Inner-City, rund 40 Prozent mit dem Fahrrad. Und jetzt gehöre ich zu ihnen. Reihe mich jeden Morgen in den Tross ein. Inzwischen kenne ich fast alle Tricks und habe die beste Taktik ausgeklügelt, um in der ersten Grünphase über die Ampel zu kommen.
Dass bei diesem Verkehr keine schlimmeren Unfälle passieren liegt vor allem an der Disziplin und Regeltreue der Dänen an sich. Rote Ampeln werden immer beachtet, auch wenn es Nacht ist und weit und breit kein Auto zu sehen. Es ist nicht sehr schwer sich hier als Fremder zu outen!
Vielleicht ist in Dänemark aber auch genau deshalb alles so gut organisiert. Es gibt kaum Wartezeiten in den Ämtern, die Busse sind pünktlich und die Universität kümmert sich bestens um Neuankömmlinge. Eine Lieblingsbeschäftigung scheint das Nummern ziehen zu sein. Selbst in der Apotheke muss man warten, bis die rote Zahl über der Theke aufblinkt.
Und ja nicht vergessen zu ziehen, selbst wenn die Schlange aus einer Person besteht. Regeln sind hier nicht dazu da, gebrochen zu werden. Wer Fristen versäumt, zu spät kommt oder eine rote Ampel missachtet kann nicht mit Verständnis rechnen. Im selben Moment, in dem die eigene Ampel auf rot schaltet, wird die andere grün. Eine Schonfrist gibt es nicht.
Hier fährt man Rad, und das ist auch gut so. Obwohl in dieser Stadt rund 1,8 Millionen Menschen wohnen, spürt man nichts von Feinstaub und Smog. Kopenhagen ist durchzogen von zahlreichen Parks, der Ostsee und den Fahrradwegen. Nach einem Abend mit Openair-Kino im Park schlängeln sich 2000 bis 3000 rote Lichter in langen Lindwürmern durch die Stadt. Die zwei Kilometer bis vor meine Haustüre fahre ich nur Kolonne.
Manchmal träume ich sogar nachts von meinem Fahrrad, vor allem wenn meine Beine sich mal wieder anfühlen als wäre ich einen Marathon gerannt. Für einen Sportmuffel wie mich gibt es nichts besseres als den Zwang aufs Fahrrad umzusteigen. Und ehrlich, ich fühle mich toll. Es ist super von Tag zu Tag fitter zu werden und mehr Zeit an der frischen Luft zu verbringen.
Keine stinkenden Busse und Bahnen, in denen morgens noch die Alkoholschwaden der letzten Nacht durch die Gänge ziehen oder sich diverse Reinigungsmittel in die Gehirnwindungen brennen. Und damit man auch als Tourist nicht auf die motorisierten Verkehrsmittel angewiesen ist, werden jeden Frühling 2 500 Räder in der Stadt verteilt, die man sich dann für ein Pfand von 20 Kronen leihen kann.
Ab Freitag haben wir drei autofreie Tage. Die gesamte Innenstadt wird für den Verkehr gesperrt. Das müsste man sich mal vorstellen, die deutsche Hauptstadt in der Hand der Fußgänger und Radfahrer. Ich finde diese Vorstellung gar nicht so schlecht.
Übrigens ist das Leibgericht der Dänen Wurst. Die gibt es in allen erdenklichen Variationen. Hotdog-Buden belagern Plätze und Straßenecken. Übergewichtige Menschen sieht man trotzdem kaum. Ob es an der Bewegung liegt?
1. Dänemark-Kolumne : Abwarten und Bier trinken