Ein Wohn-Co-op wird erwachsen
Unter Studenten galt es als legendär, die Nachbarn haben es gefürchtet: „Le Chateau“, eine Wohn-Kooperative mit etwa 80 offiziellen Mietern auf drei Villen verteilt, war der Schandfleck studentischen Daseins im bisweilen spießigen Uni-Städtchen Berkeley. Die inzwischen ehemaligen Bewohner verstanden den illustren Namen ihres Hauses eher als Provokation: Flure mit Graffiti übersäht, im Wohnzimmer hausten Penner. Der Sensationssender Fox-News berichtete im Dezember vergangenen Jahres in den Hauptnachrichten landesweit über das „Animal-House“ von Nachbarn, die Schreie von Studenten auf der Suche nach Heroin vom Dach vernommen hätten. „Wenn die Chaoten beschlossen, morgens um zwei Uhr eine Poolparty zu feiern, war es unmöglich zu schlafen,“ beschwert sich George Lewinsky in der Lokalpresse noch heute. Der Nachbar war einer von 15 erfolgreichen Klägern, denen ein Gericht im Frühjahr 2005 insgesamt 63.250 Dollar Schadensersatz zusprach. Mittlerweile schlafen die Nachbarn wieder ruhig und die Obdachlosen leben einen Block weiter im Peoples-Park. Der Pool ist zugeschüttet und die pastellfarbenen Wände des Hauses erinnern eher an ein langweiliges Vorstadthotel.
Mit den Zielen der Urheber der studentischen Wohn-Kooperativen der Universität of California (USCA) hatte die alternative studentische Verbindung nicht mehr viel gemein. Die USCA wurde schon 1933 während der großen Depression von einer Hand voll Hochschülern gegründet, um sich und anderen bedürftigen Kommilitonen bezahlbare Kost und Logis zu ermöglichen. Inzwischen leben über 1300 Studenten in den 20 Einrichtungen rund um den Campus. Die Co-ops gelten mit gut 700 Dollar im Monat, Bio-Essen inklusive, als billigste Wohnform in der chronisch überteuerten Region um San Francisco.
Im Sommer zog, gezwungen durch den Gerichtsbeschluss, die USCA-Verwaltung die Notbremse und kündigte sämtlichen Bewohnern der berüchtigten Anlage. Es folgte ein Großeinsatz von Helfern, bei dem der Komplex für eine Viertelmillion Dollar entkeimt und geliftet wurde. Neben neuem Interieur von Innendesigner Mark Pellegrino, präsentiert man sich nach Außen auch unter anderem Namen: Hillegass-Parker, schlicht nach den beiden Straßen benannt, an deren Kreuzung die Anlage steht: Spuren verwischen scheint die Devise.
Vor ein paar Wochen erst bezogen die neuen Bewohner Quartier. Kenny Jensen ist der einzige Student, der auch schon im Chateau lebte. Atmosphäre will in den gediegenen Gemeinschaftsräumen noch nicht aufkommen, steril wirken selbst die frischen Schnittblumen aus dem Supermarkt und die gestärkten Vorhänge. Das Haus erinnert mehr an einen IKEA-Katalog als an eine verlotterte Wohngemeinschaft. „Unser Chateau war dagegen voller Leben,“ erinnert sich Kenny sentimental.
Die sechzig Neuankömmlinge haben viel zu tun: Arbeitsschichten müssen verteilt, Zimmer getauscht und neue Hausregeln in der Verfassung verabschiedet werden. Am Geburtsort des Free-Speech-Movements ist das nicht immer leicht. Die unerbittlichen Verhandlungen über Wahlrecht, Ge- und Verbote ziehen sich oft bis spät in die Nacht. Das strenge Rauchverbot in Kalifornien wurde auch auf die drei Häuser ausgeweitet. Der Antrag, die Anlage zur komplett fernsehfreien Zone zu erklären, ist aber erstmal abgeschmettert. Und Matthew, der seine Katze im Sommerurlaub auf einer Straße in Israel fand, hat ein Problem. Die Bewohner des Hillegass-Parker folgen streng den Grundregeln der USCA und verbieten das Halten von Haustieren. Für adoptierte Katze des Peace and Conflict Studenten ist im ehemaligen Animal-House kein Platz, nur bei Guppys oder Goldfischen gibt es Zugeständnisse.
Lauren MacKinnon, die Verwalterin des Hauses, achtet auf das gute Verhältnis mit der Nachbarschaft. Neulich traf sich die Willard-Neighbourhood-Community zum ersten Mal mit den Studenten und zwar gleich bei ihnen auf dem Sofa. Die neuen Bewohner des einstigen Horrorhauses waren so nett, dass man die braven Akademiker gleich einlud, sich beim gemeinschaftlichen Crimewatch zu engagieren.
Ein kompletter Neuanfang: Die erste Grillparty auf dem Dach verlegten die Studenten, alsbald die Sonne hinter der Golden Gate Bridge verschwand, ins Wohnzimmer, um Krach zu vermeiden. Dort kursierten dann wieder die Anekdoten von den alten Bewohnern. „Damals, als die Schweinehälfte vom Dach flog...,“ oder, „kennst du die Story mit der Propangasflasche?“ Man trinkt wohltemperierten Wein, knabbert an Biomöhren und lacht gedämpft. Berkeley kommt in die Jahre, auch bei den jungen Studenten.
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