2005-11-15

12 Jahre, 80 Meter
von Sebastian Christ

Eine neue Brücke verbindet Görlitz und Zgorzelec. Polen und Deutschland rücken einmal mehr enger zusammen. Eigentlich hätten alle für das Projekt sein können. Eigentlich. Streitbar-Autor Sebastian Christ war auf Spurensuche an der deutsch-polnischen Grenze.


Eine neue Brücke verbindet Görlitz und Zgorzelec. Eigentlich hätten alle für das Projekt sein können. Eigentlich. Streitbar-Autor Sebastian Christ war auf Spurensuche an der deutsch-polnischen Grenze.

Montag -- Keine Wolke hält die Sonnenstrahlen auf. Das Licht tanzt auf kleinen Wellenkronen. Heute sieht die Neiße aus wie ein Feld aus zerknitterter Alufolie, das all die Helligkeit an die Umgebung abwirft. Auf der Unterseite der Altstadtbrücke spiegelt sich das Flussprofil in weißlichen, kleinen Lichtwaben. Einige Meter flussabwärts, auf der deutschen Seite, geht ein alter Mann. Jeder Schritt fällt ihm schwer. Er braucht für zwanzig Meter Weg fast eine Minute. Immer wieder bleibt er stehen und schaut nach Polen. Ein Blick nach links, vielleicht 50 Meter Luftlinie. Dort sanieren Görlitzer und Zgorzelecer gerade gemeinsam die Hausfassaden an der Uferstraße. Noch in den 80er Jahren war das andere Flussufer weiter entfernt als ein Sommerurlaub am Schwarzen Meer. Jetzt ist alles anders. Und seit einem Jahr gibt es da diese Brücke. Ein gewaltiges Bauwerk für einen so schmalen Fluss. Auf polnischer Seite stemmt sich ein mächtiger Brückenbogen aus Stahl in einen tonnenschweren Spritzbetonsockel und spannt fast 80 Meter, bis er am deutschen Ufer wieder ins Fundament absinkt. Auf dünnen Stahlstreben oberhalb des Bogens liegt die Fahrbahndecke. So breit, dass auch Autos Platz haben. Menschen erst recht.

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Eine tolle Idee: Der Wiederaufbau der gesprengten Altstadtbrücke. Polen und Deutsche zusammenbringen. Genau an der Stelle, wo im Mittelalter eine wichtige Ost-West-Handelsstraße verlief – die Via Regia. Eigentlich hatte er mit viel Applaus für seinen Vorschlag gerechnet. Doch stattdessen haben einige Görlitzer an Volker Bandmanns Verstand gezweifelt. Der CDU-Landtagsabgeordnete blättert in einem weinroten Ordner, der die wesentlichen Dokumente aus dieser Zeit zwischen seinen Deckeln zusammenpresst. April 1993, Leserbriefseite der Sächsischen Zeitung. Seine Stimme brummelt, wenn er aus den Zuschriften rund um den Brückenbau zitiert. „Ich finde es widerlich, wie mit der Altstadtbrücke Profilierungssüchte von Möchtegern-Politikern offenbart werden“, schrieb ein „Herr P.“ aus Görlitz. Das war, nachdem Politiker aus fast allen Parteien im Görlitzer Stadtparlament das Brückenprojekt aus finanziellen Gründen abgelehnt hatten. Kein Applaus für seine Idee.

Volker Bandmann ist ein kleiner, energischer Mann. Görlitzer von Geburt an, seit 54 Jahren. Nie der SED beigetreten, Ausbildung zum Werkzeugmacher, Ehrenmitglied im Sächsischen Karateverband. Wenn man von der Bundesrepublik als „BRD“ spricht, wird er böse. Er hat eine leidenschaftliche Abneigung gegen alles, was mit der PDS zu tun hat. Bandmann nennt die Linkspartei eine „Nachfolgeorganisation der SED“, ohne dabei das Wort „Partei“ zu verwenden.

Er hat sich zwölf Jahre für den Wiederaufbau der Brücke eingesetzt, zeigt stolz auf jenen Antrag, den er 1992 auf dem Kreisparteitag der CDU eingebracht hat. Er spricht über das Hochgefühl, als er zum ersten Mal die fertige Brücke überquerte. Und klagt über die Einstellung vieler Menschen, als das Projekt auf der Kippe stand. „Wenn man die Argumente der Altstadtbrücken-Gegner ernst genommen hätte, dann hätten sämtliche noch vorhandene Brücken nach Polen sofort eingerissen werden müssen.“

Erst im zweiten Anlauf beschlossen die Abgeordneten im Görlitzer Stadtparlament, dass sich die kreisfreie Stadt am Projekt beteiligt. Und das, obwohl Bundes- und Landesregierung zuvor schon zugesichert hatten, 90 Prozent der Kosten zu übernehmen. Dann vergingen weitere zehn Jahre mit Finanzierungsengpässen und zwischenstaatliche Planungsschwierigkeiten. Später, als die Zeichen schon lange auf Brückenbau standen, gingen irgendwo zwischen Breslau (Wroclaw) und Görlitz wichtige Anträge verloren. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Dienstag -- Jemand hat den stählernen Ufersteg unterhalb der Brücke abgesperrt. An den Treppengeländern ist rot-weißes Plastikband gespannt, so fest, dass es nicht einmal flattern kann. Die Neiße trägt heute ein matschbraunes Kleid. Das Wasser fließt schnell und treibt allerlei Unrat unter der Brücke hindurch: Treibholz, Plastiktüten, sogar einen alten Fußball. Auf dem Wehr zwischen Drei- und Vierradenmühle stürzt der Fluss zwei Meter tief hinab. Der Lärm des schäumenden Wasser übertönt alle Geräusche in der Umgebung.

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Was man über Mirko Schultze wissen muss? Er kommt von der Linkspartei, und deren Mitglieder waren früher mal gegen die Brücke. Der 30-Jährige ist eine Raum füllende Gestalt: 1,95 groß, geschätzte 130 Kilo schwer. Vielleicht auch mehr. Im April ist er bei den Görlitzer Oberbürgermeisterwahlen angetreten und hat acht Prozent der Stimmen bekommen. Jetzt kandidiert er auf Landeslistenplatz 34 für den Bundestag. Ein aussichtsloser Kampf. Schultze wirft Bandmann vor, dass er fremde Ideen für sich reklamiere. Es habe „kluge Köpfe“ gegeben, die sich über die Görlitzer Neißebrücken Gedanken gemacht hätten. Dann sei Bandmann gekommen und habe die vorhandenen Konzepte für die eigenen politischen Ziele benutzt. Fast beiläufig verschießt er seine Giftpfeile in Richtung der politischen Konkurrenz. „Herr Bandmann ist immer da, wenn ein Grundstein gelegt wird und sagt dann, er habe das schon immer gewollt.“

Als die Diskussion über den Bau der Altstadtbrücke begann, war Schultze 17 Jahre alt. Er versteht die Position der damaligen PDS-Politiker. „Ich war nicht sehr überzeugt davon, dass die Leute eine Brücke, die augenscheinlich ins Nichts führt, in irgendeiner Form annehmen werden.“

Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Wo auf deutscher Seite ein hübsch sanierter Altstadtkern ist, da klafft in Zgorzelec immer noch eine große Lücke. Die Brücke endet an der Vierradenmühle, dahinter öffnet sich eine große, abgesperrte Baugrube. Hier soll später mal der alte Postplatz wieder aufgebaut werden. Bis zum Zgorzelecer Stadtzentrum sind es zehn Minuten zu Fuß.

„Wenn man mal ganz ehrlich ist, dann nutzen viele Touristen und Einheimische die Brücke auch nur, um mal zu schauen, wie die Peterskirche von der anderen Seite aussieht“, sagt Mirko Schultze. „Das ist eine erweiterte Fotografierposition, mehr noch nicht. Da ich selbst Hobbyfotograf bin, habe ich das mehrfach schon ausgenutzt.“ Schultze denkt an das Brückenprojekt, dessen dynamische Entwicklung und sagt: „So lange ein Ruderboot ein Ruderboot ist, will niemand rudern. Wenn aber ein Motor dran ist, dann will jeder steuern.“

Er meint damit Volker Bandmann.

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Mittwoch -- Der Müll schwimmt nicht mehr oben. Eine Stunde an der Altstadtbrücke, und es ist nichts weiter zu sehen als eine alte Wasserflasche, die taumelnd nach Norden getrieben wird.

Auf der Brücke, ganz lässig: Zwei Grenzer lehnen an ihrem kleinen Häuschen und unterhalten sich. Der Deutsche in Polizeigrün, BGS-Uniform, Diensthemd. Sein polnischer Kollege trägt Tarnfleck. Es gibt hier keinen Schlagbaum mehr, keine Verkehrstaus und keine Fahrzeugkontrollen. Übrig geblieben sind zwei Männer, die Spaziergänger höflich auf den Personalausweis schauen. Deutsche und Polen unter einem Dach, hier funktioniert das schon.

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Es kam ein Tag, als alle Diskussionen ihr Ende fanden. Der Baubeginn: 28. April 2003. Zehn Tage später wurden am Neißeufer die ersten Rammschläge gesetzt, um das Fundament der Brücke vorzubereiten. Als der Beton getrocknet, und der Brückenbogen gespannt war, schoben Ingenieure und Bauarbeiter jeweils 21 Meter lange Fahrbahnelemente stückweise von Zgorzelec nach Görlitz. Anfang November 2004 feierte die Europastadt gemeinsam die Eröffnung ihrer dritten Brücke. Das gesamte Projekt kostete der Stadt Görlitz knapp 300 000 Euro. Die Kollegen aus Zgorzelec steuerten viel guten Willen bei.

„Seit der Eröffnung ist die Brücke mit Selbstverständlichkeit von der Bevölkerung in Besitz genommen worden, und es gibt keine ernstzunehmende Stimme, die sich noch dagegen ausspricht“, sagt Bandmann.

„Es gibt überhaupt keinen Grund, nach der Grundsteinlegung zu sagen: Ich boykottiere die Brücke. Dann ist sie eben da“, sagt Schultze.

„Die Bevölkerung sieht diese Brücke als ihre eigene an, und damit tritt der ganze Mühsal in den Hintergrund“, sagt Bandmann.

„Mit all dem, was jetzt entstehen kann, ist es ein Projekt, was auf die Zukunft orientiert ist“, sagt Schultze.

Politik kennt nur Gewinner.

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Bildmaterial: Sebastian Christ




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