2005-12-23

Julefrokost
von Sabine Lorenz

Bunt erleuchtete Straßen, Glühweinbuden und Bratwurst: Weihnachten in Kopenhagen unterscheidet sich zunächst nicht von deutschen Traditionen. Doch beim „Julefrokost“, dem besinnlichen Betrinken mit Freunden und Kollegen könnten die Dänen wohl jede deutsche Weihnachtsfeier-Gesellschaft unter den Tisch trinken. Dabei können die unterkühlten Nordlichter dann auch „die Grenzen des Alltags ohne Risiko überschreiten“


Wo auch immer ich hinsehe es funkelt, leuchtet und strahlt. Ich schlendere durch ein Meer von Lichtern. Zur Weihnachtszeit werden im Tivoli, neben der kleinen Meerjungfrau, die Touristenattraktion Kopenhagens, alle Register gezogen. Der Duft nach Glühwein und frischen Äbelskivern (eine Art Mini-Berliner mit Äpfeln) liegt in der Luft.

Es riecht nach Zimt, Orangen und gebrannten Mandeln. Solange bis man an der nächsten Würstchenbude vorbeikommt wenigstens. Der größte Weihnachtsmarkt der Stadt befindet sich hinter den Toren des angeblich ältesten Vergnügungsparks Europas. Es ist langsam ungemütlich hier im Norden. Der Wind pfeift durch die Straßen und lässt einen die Kälte noch deutlicher spüren.

Drei Uhr Nachmittag ist die perfekte Zeit um sich romantisch den Sonnenuntergang anzuschauen. Also beste Voraussetzungen um in weihnachtliche Stimmung zu kommen. Da kann man auch mal die horrenden Eintrittspreise bezahlen, um den Glühwein, hier Glögg genannt, auch in der passenden Umgebung zu trinken.

Ehrlich gesagt bin ich ein wenig überfordert in dem Durcheinander von Menschen, Lichtern und Fahrgeschäften. An jeder Ecke neue Gerüche, neue Leuchten und noch mehr Menschen. Schön ist es trotzdem, und wenn man es schafft sich die Massen weg zu denken, irgendwie auch romantisch: der kleine See mit den Booten, das alte Kettenkarussell und dieses unendliche Meer an Lichtern und Farben, wo immer man hinsieht.

Aber auch der Rest der Stadt lässt sich nicht lumpen. Alles ist weihnachtlich geschmückt, zahlreiche Plätze sind in Schlittschuhbahnen verwandelt und die Gebäude funkeln nachts im Hintergrund. Die Dänen vergessen auch bei der Weihnachtsbeleuchtung ihren guten Geschmack nicht. Bis auf wenige Ausnahmen ist hier von buntem Kitsch nichts zu sehen. Viele Fassaden sind stilvoll gestaltet mit Karussellen, Pferden und Lichtervorhängen.

Dass die Dänen im letzten Monat des Jahres besonders gut gelaunt sind, hat aber auch etwas mit der Tradition der Julefrokosts zu tun. Das heißt übersetzt „Weihnachtsmittagessen“ und verbirgt gut den eigentlichen Sinn des gemeinsamen Betrinkens. Egal ob mit Freunden, dem Ruderclub oder der Arbeit, im Dezember heißt es feiern bis zum Umfallen. Neben gutem Essen wird vor allem reichlich Bier und Wein aufgetischt. Und wie im Karneval, sieht dann der Arbeitskollege oft plötzlich noch viel besser aus als sonst.

So voll wie im Dezember waren die Straßen nachts noch nie. Jeden Abend begegnet man in den Gassen der Innenstadt angetrunkenen Menschengruppen. Natürlich lasse auch ich mir das Julefrokost der Universität nicht entgehen. Zusammen mit vier Freundinnen habe ich mich extra schick gemacht für den Abend, die Jeans gegen das kleine Schwarze eingetauscht. Es gibt knuspriges Spanferkel und ein großes Buffet, es wird gesungen und musiziert und auch getanzt.

Und am Ende gibt es ein typisch-dänisches Weihnachtsdessert. Hier schlagen wir besonders zu. Es gibt Ris à l'Amande, Mandel-Milchreis. Darin ist eine ganze Mandel versteckt. Wer sie findet bekommt einen Preis, und der sieht schwer nach einer Flasche Schnaps aus.

Trotz skandinavischer Begleitung wussten wir nämlich nicht, dass wir unseren eigenen Hochprozentigen mit bringen sollten, wie die anderen hier das getan haben. Besonders unser Nebentisch zeigt uns, was es heißt, die Grenzen des Alltags ohne Risiko zu überschreiten, wie das dänische Kulturinstitut das gemeinsame Betrinken nett umschreibt. Aber zum Glück gibt es auch besonderes Weihnachtsbier. Das ist würziger und natürlich auch stärker als das normale Bier, und verursacht am nächsten Tag vielleicht weniger Kopfschmerzen als Schnaps.



1. Dänemark-Kolumne : Abwarten und Bier trinken
2. Dänemark-Kolumne : Fahrradkollonen in Kopenhagen





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