2006-06-13

200 Kilometer bis Ecuador
von Joachim Hesse

Die Weltmeisterschaft ist seit Freitag eröffnet. Doch für manche hat der lange Marsch zur Einlasskontrolle schon im vergangenen Jahr begonnen. Streitbar-Autor Joachim Hesse hat über zahlreiche Wege und Umwege versucht, an Karten für die WM zu kommen. Geklappt hat es schließlich für das Spiel Polen-Ecuador. Die Geschichte eines Fußball-Trips.


Polen gegen Ecuador war für mich das Ziel einer langen Reise, auch wenn manche, außerhalb der WM, noch nicht einmal den Fernseher für diese Partie eingeschaltet hätten.

Fußball-WM im eigenen Land, für Sebastian und mich stand fest, fast alles zu versuchen, damit diese Veranstaltung nicht ohne uns stattfindet. Wir nahmen an gefühlten 1000 “Los-Phasen” der FIFA teil, und versuchten bei ebenso vielen Gewinnspielen unser Glück. Immer wieder glaubten wir, es mit unserem Insider-Tipp (Iran-Angola in Leipzig) schaffen zu können. Unseren persönlichen Frieden mit der WM machten wir schließlich durch eine Anzeige im Gladbacher “Fohlen-Echo”. Der DFB-Fanclub verkündete, dass für Mitglieder ein extra WM-Karten-Kontingent zur Verfügung stehen würde. Auch wenn der DFB-Fanclub bei den Fußballreisenden für geteilte Meinungen sorgt - der Zweck heiligte die Mittel. Ergebnis: Ukraine - Saudi-Arabien und Australien-Japan für Sebastian und Polen-Ecuador für mich, und das für je 36 Euro.

Erster Spieltag, auf nach Gelsenkirchen. Weil das Eröffnungsspiel Deutschland - Costa Rica auf dem Videowürfel in der Arena gezeigt werden sollte, mache ich mich früh auf den Weg. Schon das Parken ist bestens organisiert, je nach Eintrittskarte darf man die entsprechend farblich markierten Parkplätze benutzen. Die Parkgebühr kostet vier Euro. Wenn man aber einfach weiter fährt, während die Ordner mit sich selbst beschäftigt sind, bezahlt man nichts. Bereits auf dem Parkplatz deutet sich an, dass Schalke komplett in polnischer Hand seien wird. Das bestätigt sich auf dem Weg zur Arena.

In der Nähe des Stadions lagern bereits mehrere Tausend Menschen, und genießen das WM-Wetter. Zu meiner Freude entdecke ich auch die ein oder andere Busladung Ecuadorianer. Sollte hier wirklich richtige Stimmung aufkommen, und nicht nur dieses “Es-ist-WM-in-Deutschland-da-will-ich-mal-gucken”-Gefühl?

Nach kurzer Zeit werden bereits die Schleusen geöffnet, Einlass! Es kommt nie zu längeren Wartezeiten. Auch wenn im Vorfeld angekündigt, beim Betreten der Arena will niemand einen Personalausweis sehen, um diesen mit dem Namen auf der Eintrittskarte zu vergleichen. Die körperliche Kontrolle verläuft absolut lasch. Klappt es doch nicht mit der totalen Kontrolle des Fans?

Vor allem über die polnischen Hooligans hatte man sich Gedanken gemacht. Der Pressesprecher der polnischen Polizei verrät mir vor Ort, dass 68 Polizisten aus unserem Nachbarland angereist waren. Nur die Engländer werden mit ca. 80 Kräften noch besser betreut. Doch ich habe weder vor, noch während oder nach dem Spiel gewaltbereite Anhänger entdeckt.

Da weniger Zuschauer aus Ecuador erwartet wurden, hatte man ihnen den Gästebereich zugeteilt. Die Stimmung fällt bei den vielleicht 3000 Anhängern etwas dezenter aus, was sogar dazu führt, dass die erste La Ola-Welle an diesem Block scheitert. Erst nach dem 1:0 für die eigene Mannschaft werden die Freunde aus Ecuador etwas munterer.

Die anwesenden Polen, die im Radio auf 25 000 geschätzt wurden, geben von Beginn an alles. Also doch echte Stadion-Stimmung! Ich nutze die Gelegenheit und ließ mir einige Fan-Gesänge übersetzen. In Ecuador setzt man größtenteils auf “Ja, ihr könnt es”, was sich so ähnlich anhörte wie ein langgezogenes “hinsetzen, hinsetzen” - ich bin zunächst etwas verwundert. Die Polen bevorzugen dagegen “Polen, rot und weiß” oder “Wir sind mit euch”.

Bemerkenswert die Bekleidung: In Ecuador schwört man auf Trikot und Fahne. In Polen wurde scheinbar ein Kombi-Paket mit Mütze, Schal und Trikot angeboten. Aufgrund der erwähnten Eingangskontrollen ist es einigen Polen nach Schlusspfiff gelungen, reichlich Rauch und bengalisches Feuer zu zünden. Tifosi-Alarm im Pott. Und dass bei einer derart durchorganisierten WM.


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Foto: Sebastian Christ




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