2006-06-28

Der Held in Turnschuhen
von Daniel Opper

Der Bär ist das Risiko, das keiner mehr eingehen will, Joschka Fischer der Rebell, den keiner mehr brauchte. Nun gehen beide fort. Helden sind weiterhin gefragt.


Die Woche beginnt mies. Nach dem gemeinen Mord an Problembär Bruno nun der nächste Verlust für unsere Land im Freudentaumel. Wenngleich viel leiser vonstatten gegangen, wird er unsere Republik doch nachhaltiger verändern als der spontane Krawallmacher aus Südtirol. Joschka Fischer wird im Sommer sein Bundestagsmandat niederlegen und eine Gastprofessur in Princeton annehmen. Gestern verabschiedete er sich bereits von seiner Fraktion. Fischer stand für die Grünen wie die Sonnenblume. Der nette aber energische Mann aus Südhessen und die schönste Pflanze der Welt ­ so begann meine politische Sozialisation im Elternhaus in Kassel. Das war gut, daran konnte man glauben.

Tschernobyl machte uns Kinder in der Straße am Ende der großen Stadt über Nacht damit bekannt, was Politik bedeutete. Die Sandkästen wurden geräumt. Im Bauch eines sechsjährigen kochte Wut: Wut etwas tun zu müssen. Ohne dass die Eltern dazu drängten entstand in Schreibschrift ein Bittbrief an Herrn Kohl, die Atomkraftwerke in Deutschland doch bitte alle abzuschalten, unserer Sicherheit zu liebe. Monate vergingen. Dann kam der Brief eines Sekretärs. Ich müsse mir keine Sorgen machen, Biblis und die anderen Atomkraftwerke in meiner Nähe seien absolut sicher. Nuklearenergie gehöre die Zukunft, unsere Zukunft. Danach bedurfte es keiner Indoktrination mehr: Wie in einem Hollywood-Film war die Welt plötzlich beruhigend einfach aufgeteilt, in die Bösen, die ohne unseren Bittbrief ernst zu nehmen das Land regierten und die Rebellen, die für das Gute kämpften: eine grüne, sichere Welt für uns Kinder. Der Held in Turnschuhen, das war eine plausible Metapher für den Rebell.

Diese naive und romantische Vorstellung von Politik hielt sich, denn bei allem Druck zur Reflexion, den in den Folgejahren die Schule anerzog, erlaubte sie doch, noch an etwas glauben zu können, ohne gleich relativieren zu müssen. Die erste Begegnung mit Joschka Fischer, es war eine Wahlkampfveranstaltung neben unserer Schule vor der Wahl 1998, tat ihr Übriges: gefesselt oder geblendet von einem Mann, der schwitzte, der mit Wortwitz und Charisma mitzureißen wusste wie ein guter Schauspieler, wusste ich, auf der richtigen Seite zu stehen: auf der des Umsturzes. Für etwas zu kämpfen bedeutete Angriff, nicht die Verteidigung einer sechzehn Jahre alten Trutzburg. Aufgewachsen vor deren Toren in einem linksintellektuellen Milieu war das nur konsequent. "Sie sind Geschichte, im guten und im schlechten Sinne, das haben Sie immer gewollt. Aber in Zukunft werden Sie nicht mehr sein - drei Zentner fleischgewordene Vergangenheit. Auch das war der Duktus unseres Robin Hood, eines Anführers und Einpeitschers, gemein ja, aber gemein für die richtige Sache. Wie sonst sollte man stürzen, was seit Beginn meines Lebens bleierne Konstante war? So entwickelte sich auch ein eigenartiges Verständnis von Demokratie. Was konnte dieses Theorem also schon anderes bedeuten, wenn man unter 16 Jahren Alleinherrschaft aufwuchs, als für den Sturz des Systems durch einen Outlaw zu fiebern; einen Außenseiter, bei dem praktisch jeder Satz in einer kämpferischen Pointe endete, an die man glauben konnte?

Umso schlimmer die Ernüchterung danach, dass es kein Gold regnen würde, dass es den Rebell nicht ohne den dunklen Lord geben konnte. Zuletzt sah er nur noch aus wie ein weiser alter Zauberer, der immer seltener unter dem imposanten Dach der Kathedrale von Sir Norman Foster Platz nahm.

Und dennoch: Er und seine Gang haben einen politischen Stil gehabt, der viele prägte. Sie haben uns bewiesen, dass man das steinige Starr brechen kann. Wahrscheinlich haben sie mehr bewegt in der Zeit ihrer Opposition, als sie Rebell sein konnten. Das können sie jetzt wieder, und das können sie auch ohne Joschka Fischer.





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