Die Woche beginnt mies. Nach dem gemeinen Mord an Problembär Bruno nun der nächste Verlust für unsere Land im Freudentaumel. Wenngleich viel leiser
vonstatten gegangen, wird er unsere Republik doch nachhaltiger verändern als
der spontane Krawallmacher aus Südtirol. Joschka Fischer wird im Sommer sein
Bundestagsmandat niederlegen und eine Gastprofessur in Princeton annehmen.
Gestern verabschiedete er sich bereits von seiner Fraktion.
Fischer stand für die Grünen wie die Sonnenblume. Der nette aber energische
Mann aus Südhessen und die schönste Pflanze der Welt so begann meine
politische Sozialisation im Elternhaus in Kassel. Das war gut,
daran konnte man glauben.
Tschernobyl machte uns Kinder in der Straße am Ende der großen Stadt über
Nacht damit bekannt, was Politik bedeutete. Die Sandkästen wurden geräumt.
Im Bauch eines sechsjährigen kochte Wut: Wut etwas tun zu müssen. Ohne dass
die Eltern dazu drängten entstand in Schreibschrift ein Bittbrief an Herrn
Kohl, die Atomkraftwerke in Deutschland doch bitte alle abzuschalten,
unserer Sicherheit zu liebe. Monate vergingen. Dann kam der Brief eines
Sekretärs. Ich müsse mir keine Sorgen machen, Biblis und die anderen
Atomkraftwerke in meiner Nähe seien absolut sicher. Nuklearenergie gehöre
die Zukunft, unsere Zukunft. Danach bedurfte es keiner Indoktrination mehr:
Wie in einem Hollywood-Film war die Welt plötzlich beruhigend einfach
aufgeteilt, in die Bösen, die ohne unseren Bittbrief ernst zu nehmen das
Land regierten und die Rebellen, die für das Gute kämpften: eine grüne,
sichere Welt für uns Kinder. Der Held in Turnschuhen, das war eine plausible
Metapher für den Rebell.
Diese naive und romantische Vorstellung von Politik hielt sich, denn bei
allem Druck zur Reflexion, den in den Folgejahren die Schule anerzog,
erlaubte sie doch, noch an etwas glauben zu können, ohne gleich relativieren
zu müssen. Die erste Begegnung mit Joschka Fischer, es war eine
Wahlkampfveranstaltung neben unserer Schule vor der Wahl 1998, tat ihr
Übriges: gefesselt oder geblendet von einem Mann, der schwitzte, der mit
Wortwitz und Charisma mitzureißen wusste wie ein guter Schauspieler, wusste
ich, auf der richtigen Seite zu stehen: auf der des Umsturzes. Für etwas zu
kämpfen bedeutete Angriff, nicht die Verteidigung einer sechzehn Jahre alten
Trutzburg. Aufgewachsen vor deren Toren in einem linksintellektuellen Milieu
war das nur konsequent. "Sie sind Geschichte, im guten und im schlechten
Sinne, das haben Sie immer gewollt. Aber in Zukunft werden Sie nicht mehr
sein - drei Zentner fleischgewordene Vergangenheit. Auch das war der Duktus
unseres Robin Hood, eines Anführers und Einpeitschers, gemein ja, aber
gemein für die richtige Sache. Wie sonst sollte man stürzen, was seit Beginn
meines Lebens bleierne Konstante war? So entwickelte sich auch ein
eigenartiges Verständnis von Demokratie. Was konnte dieses Theorem also
schon anderes bedeuten, wenn man unter 16 Jahren Alleinherrschaft aufwuchs,
als für den Sturz des Systems durch einen Outlaw zu fiebern; einen
Außenseiter, bei dem praktisch jeder Satz in einer kämpferischen Pointe
endete, an die man glauben konnte?
Umso schlimmer die Ernüchterung danach, dass es kein Gold regnen würde, dass
es den Rebell nicht ohne den dunklen Lord geben konnte. Zuletzt sah er nur
noch aus wie ein weiser alter Zauberer, der immer seltener unter dem
imposanten Dach der Kathedrale von Sir Norman Foster Platz nahm.
Und dennoch: Er und seine Gang haben einen politischen Stil gehabt, der
viele prägte. Sie haben uns bewiesen, dass man das steinige Starr brechen
kann. Wahrscheinlich haben sie mehr bewegt in der Zeit ihrer Opposition, als
sie Rebell sein konnten. Das können sie jetzt wieder, und das können sie
auch ohne Joschka Fischer.
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