Samstag. 12 Mai. Dortmund. Wenn das herrlich politisch unkorrekte Idiom vom „inneren Reichsparteitag“ jemals Sinn machte, dann hier, an diesem Tag, in dieser Stunde. Ebi Smolarek, dessen Tore häufig wie Zufallsprodukte aussehen, sah Christoph Metzelders Schussversuch zur Vorlage werden. Der Ball prallte an einem Schalker Bein ab, rauschte im hohen Bogen nach oben und zurück auf der Erde. So langsam, dass es jedem Schalker bange wurde. Als ob man einem Auffahrunfall in Zeitlupe zusieht. Smolarek entschied sich für den sattesten, saftigsten Volleyschuss seiner Karriere. Und traf, wie schreibt man noch gleich, ins königsblaue Herz.
Der BVB hatte ein Szenario auf den Kopf gestellt, dass vor wenigen Wochen in einem Kampf von brutalster Brisanz hätte ausarten können. Epischer als es Peter Jackson jemals auf die Leinwand hätte bringen können. Da waren die Schalker Tabellenführer, der verhasste Reviernachbar aus Dortmund gefährlich abstiegsbedroht, die Mannschaft sportlich und psychisch mausetot. Schalke hätte an diesem 12. Mai im Signal Iduna Park nicht nur Meister werden, sondern den BVB im selben Atemzug in die zweite Liga schießen können. Die totale Vernichtung des Feindes, eine Schmach epochalen Ausmaßes. Doch dann sicherte sich Thomas Dolls Mannschaft bereits gegen Wolfsburg nach einer respektablen Mini-Siegesserie den Klassenerhalt, und das Blatt hatte sich gewendet. Der Rest ist seit Samstag Geschichte. Schalke hat es wieder versaut.
Interessant ist jetzt nicht so sehr, dass sämtliche Medien den Revier-Dino bereits nach dem vorletzten Spieltag abgeschrieben hatten, obwohl theoretisch noch Hoffnung auf die Meisterschaft bestand. Interessant ist eher, dass die Mythenbildung bemüht wurde, die in jenem legendären letzten Spieltag der Saison 2001 ihren Ursprung hat. Da verlor Schalke in noch dramatischerer Art und Weise die Schale an die unsympathischste Bayernmannschaft aller Zeiten. Die Parallelen zu den aktuellen Ereignissen scheinen offensichtlich – und verzerren doch ein bisschen die Wirklichkeit.
2001 war Schalke 04 ein bundesweit beliebtes Team. Begeisternd in der Offensive, meistens sicher in der Deckung. Eine kompakte, komplette Mannschaft. Die hochnäsigen Bajuwaren, die bereits im Jahr davor den ewigen Nervenamateuren von Bayer Leverkusen den Titel in letzter Sekunde entrissen hatten, wollte keiner triumphieren sehen, außer den nimmersatten Bayernfans natürlich. Und natürlich kam es damals schon anders.
Aber diesmal? Werder Bremen spielte in der Hinrunde den hinreißendsten Angriffsfußball, und ist nun, nach einer Kräfte zehrenden WM und einer Saison mit lang anhaltender Doppelbelastung, physisch am Ende. Der VfB Stuttgart zelebrierte aus dem schützenden Raum des Außenseitertums heraus einen extrem feinen Ball. Und Nerven hatte diese junge Truppe auch. Schenkte man den Umfragen auf diversen Sportseiten Glauben, dann wollten die meisten Stuttgart nun auch als Meister sehen. Schalke? Wirklich begeisternde Spiele in dieser Saison kann man an einer Hand abzählen. Auf die aktuelle Spielweise der Knappen treffen wirklich alle Prädikationen zu, die der Sportjournalismus für so eine Art von Balltreterei bereithält. Pomadig, unspektakulär, Ergebnisfußball. Jeder kennt und liebt Diego oder Mario Gomez. Bei Schalke taugen weder der gefönte Nutellaboy Kevin Kuranyi noch der blasse Lincoln zum Publikumsliebling. Bordon, Kobiaschwilli, Bajramovic, Neuer? Wer ist das? Erkennt die irgendjemand auf der Straße? Außer den eigenen Fans und Theo Zwanziger (DFB-Präsident) wollte keiner, dass Schalke Meister wird. Schalke 04 ist in dieser Spielzeit nicht emotionalisierungsfähig, Schalke rührt außer dem eigenen Anhang keinen zu tränen, Schalke interessiert schlicht und einfach nicht. Dafür ist dieses Team einfach zu langweilig und gesichtslos, ihr Fußball zu nüchtern und nichtssagend.
Umso irrsinniger erscheint daher der finanzielle Aufwand, der seit Jahren betrieben wird. Der das gesamte Umfeld schon längst an die Gesetzte einer globalisierten und ökonomisierten Fußballwelt angeschlossen hat, und der mit den Ruhrpott-Romantizismen aus der Zeit des letzten Titels von 1958 nichts mehr zu tun hat. SPIEGEL Online haute ganz besonders eloquent drauf, und titelte: „S 04, die Uschis vom Revier.“ Lustig, aber streckenweise auch falsch in der Diagnose: „Kein Bundesliga-Club außer dem FC Bayern ist dermaßen der Vergangenheit zugewandt, nirgendwo verwechselt man Nostalgie so beharrlich mit Zukunft…“ Falsch. Was der FC Schalke 04 macht, ist ganz und gar modern und liegt voll auf der Linie des marktradikalen Zeitgeistes. Nämlich mit windigen Unternehmen Geschäfte machen, denn die haben Geld. Der Gazprom-Deal sichert ihnen auf längere Zeit sprudelnde Geldquellen. Der Witz dabei ist doch, dass der Ertrag für soviel Aufwand bislang ernüchternd mickrig ausgefallen ist. Borussia Dortmund steckte ab seiner Blütezeit Mitte der Neunziger Jahre soviel Geld in die Mannschaft, dass man sie als „Bayern des Ruhrpotts“ bezeichnete. Doch dafür konnten die Anhänger drei Meisterschaften und einen Champions League-Sieg bejubeln, vom Weltpokal ganz zu schweigen. Seit 1995 hatte jedes BVB-Team in jedem relevanten Meisterschaftsrennen die Nerven behalten. Schalke buttert seit Jahren vergleichbare Summen in die Mannschaft, und nichts ist dabei wirklich herausgesprungen. Kein Meistertitel, keine nennenswerten Episoden in der Champions League. Nicht einmal den Uefa Cup bekommen sie noch auf die Reihe. Der letzte Erfolg: Gewinn des DFB-Pokals 2002. Lächerlich.
Die krummen Geschäfte mit dem noch krummeren, kremltreuen Gazprom-Konzern werden vom SPIEGEL in ein etwas schiefes Interpretationsraster gepresst: „Schalke, das ist die Linkspartei der Liga, eindrucksvoll belegt durch den Hauptsponsor, einen undurchsichtigen Moskauer Staatskonzern.“ Wieder etwas schief gedacht. Mit der politischen Ausrichtung der Linkspartei hat der Gasmulti nur die negativen Konnotationen aus alter BRD-Zeit gemeinsam. Die Analogie kommt Jahrzehnte zu spät. Schalke ist nicht die Linkspartei der Liga, sie sind eher eine Art neureiche FDP der Liga (nur mit einer etwas untypischen Fanbasis). Immer irgendwie mit dabei, mit Geld um sich werfend, großspurige Ansprüche formulierend, aber den Kanzler werden sie nie stellen.
Es wäre egal gewesen, ob die Stuttgarter am letzten Spieltag noch das unmögliche möglich gemacht hätten, wenn Schalke es doch noch gepackt hätte. Meister der Herzen, so wie 2001, wären sie dieses Mal auf keinem Fall geworden. Was hätten wir gegähnt.
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