2007-06-13

Frontbericht Hinter Bollhagen
von Lino Klevesath

Wer letzte Woche die Berichterstattung über die Proteste gegen den G8-Gipfel verfolgte, konnte meinen, dass die Demonstrationen vor allem durch Gewalt und Krawalle im ungeahnten Ausmaß geprägt waren. streitBar-Autor Lino Klevesath hingegen erlebte einen Protest, der kreativ und immer friedlich war – fast zumindest.


Das Wetter ist perfekt am Nachmittag des 7. Juni, als ich in Reddelich eintreffe. Bei strahlendem Sonnenschein und fast 30 Grad wären die Bedingungen ideal für ein Musikfestival oder einen Urlaub an Strand. Hunderte bevölkern die Straßen des kleinen Dorfes in Mecklenburg-Vorpommern, etwa 10 Kilometer vom Ostseestrand entfernt, die Stimmung ist friedlich. Doch am Eingang zum Protest-Camp wird dem Besucher schnell deutlich, dass es hier um keine Spaßveranstaltung geht: „Keine Fotos, keine Kameras!“ rufen die Wachleute des Camps den vorbeifahrenden Autos zu. Das Misstrauen der Demonstranten gegen Polizei und Journalisten sitzt tief. Die Zufahrt ist mit einer provisorischen Holzschranke versehen – einladend wirkt Reddelich für Neuankömmlinge auf den ersten Blick nicht.

Bedenkt man aber, dass Bundeswehr und Polizei das Camp mit demselben Argwohn beobachteten wie Taliban in Afghanistan, werden die Vorsichtsmaßnahmen verständlich. Tatsächlich ist Reddelich hoch organisiert: Verschiedene Gruppen haben sich unterschiedliche „Barrios“ - Stadtteile eingerichtet, von der IG-Metall-Jugend und den Grünen bis zu diversen weiter links stehenden Gruppen ist alles vorhanden. Eine Woche Protest erfordert eine gut funktionierende Logistik. Dabei geht alles politisch korrekt zu: Die „Volxküchen“ verteilen nur veganes Essen – die Duschzeiten sind nach Männern, Frauen, Transgender und gemischten Gruppen geordnet. Auch an die vielen ausländischen Demonstranten ist gedacht – die „Antisexist Contact and Awareness Group“ bietet möglichen Opfern sexualisierter Gewalt Hilfe auf Deutsch, Englisch, Spanisch und sogar Arabisch an. An Infotafeln können Neuankömmlinge sich einen Überblick über die einzelnen Blockadeaktionen verschaffen. Alles ist kostenlos erhältlich und wird durch Spenden finanziert – die Atmosphäre ist „supersolidarisch“ - wie eine Demonstrantin meint. Doch das Camp wirkt ein wenig ausgestorben – die meisten Aktiven sind auf den Straßen um Heiligendamm unterwegs, um sich der Polizei entgegenzustellen.

Auch ich mache mich daher mit dem Auto auf den Weg Richtung Hinter Bollhagen, einen kleinen Weiler 3 Kilometer südwestlich von Heiligendamm. In Nieder Steffenshagen aber ist für Autos Schluss. Ich steige aus und mache mich mit vielen zu Fuß auf den Weg. Offiziell sind Demonstrationen in diesem Bereich vollkommen untersagt – die Straßen für Demonstranten unpassierbar. Dutzende Demonstranten folgen daher einer Traktorspur quer durch ein Kornfeld – die meisten bemühen sich um ein gutes Verhältnis zu den Anwohnern und wollen möglichst wenig Schaden anrichten. Von den angeblich rücksichtlosen Globalisierungskritikern, die den Bauern ihre Ernte zerstören, um dem hungernden Afrika ihre Solidarität zu erklären, ist hier niemand zu sehen. Hämmernde Beats aus einem zum Musikwagen umfunktionierten Rollstuhl versuchen, dass Dröhnen der Polizeihubschrauber zu übertönen, die ständig über der Szenerie kreisen. Schließlich erreiche ich die Front: Etwa 300 Meter vom Schutzzaun entfernt belagern 2000 Leute eine grüne Wiese neben einem einsamen Einfamilienhaus. Der Gartenzaun wird durch eine Polizeikette gesichert, während die Hausbewohner etwas ungläubig auf die Menschenmassen schauen, die ihr Grundstück umringen. Von der Straße nach Heiligendamm hat die Polizei die Demonstranten schon vertrieben und verteidigt ihre Position mit zwei Wasserwerfern- bereit, die Demonstranten notfalls zurückzudrängen.

Doch von Aggression ist wenig zu merken. Anstelle des Schwarzen Blocks sind es vor allem die Clowns, die die Szenerie bestimmen und die Beamten aufs Korn nehmen. Die aber zeigen sich davon unbeeindruckt. Viele Leute tragen rote T-Shirts mit dem Konterfei von Wolfgang Schäuble, versehen mit der Aufschrift „Stasi 2.0“. Ein Demonstrant wirbt für Verständnis für die Beamten: „Das sind genauso kleine Würstchen wie wir.“ Kein Grund also, sie anzugreifen. Sein Nachbar ist etwas aggressiver: Steht ihr überhaupt dahinter, was ihr macht? Ihr verteidigt gerade die acht größten Verbrecher der Welt!“ Ein dritter schlägt vor: „Lasst uns doch einfach durch und wir laufen zusammen nach Heiligendamm und dann sagen wir alle: 'No War, fuck Bush!'“ Doch die Polizei bleibt stoisch auf ihrem Posten.

Hin und wieder wird die friedliche Szenerie jedoch durchbrochen. Als die Polizei einen vermeintlichen Gewalttäter festnehmen will, fliegen Flaschen in Richtung der behelmten Beamten. Auch wenn die meisten nur aus Plastik sind, sezten die Sicherheitskräfte Wasserwerfer ein. Eine verletzte Demonstrantin muss an der Polizeiabsperrung den Sanitätern übergeben werden. Mehrere Demonstranten versuchen auf die Glasflaschenwerfer einzureden: „Ihr seid überhaupt nicht friedlich, wenn ihr die Polizei mit Glas bewerft!“ Doch leider weiß auch sie nicht, wenn sie beschimpfen soll, denn wer gewaltlos demonstriert und wer auch zu anderen Mitteln greift, lässt sich in der bunten Menge überhaupt nicht ausmachen. Der ominöse „Schwarze Block“, von dem alles Schlechte ausgehen soll, ist gar kein Block.

Gegen Abend ist die Polizei entschlossen, die Demonstranten weit von der Straße zurückzudrängen, um sie für die Versorgung des Gipfels wieder nutzbar zu machen. Jetzt kippt die Stimmung schnell: Mit einem Mal baut sich eine futuristisch anmutende Phalanx aus Wasserwerfern auf – der Polizeisprecher fordert die Demonstranten mit ironischem Unterton auf sich zu beruhigen: Man werde sich „nur ein wenig Platz verschaffen“ müssen. Auch die Vertreter der Presse sollten sich zurückziehen, da nun „keine Rücksicht“ mehr genommen werden könne. Doch so leicht lassen sich die Protestler nicht verdrängen. Sie wollen ihre friedliche Blockade fortsetzen. Doch gegen die Übermacht der Staatsgewalt sind sie chancenlos: Dem Wasserstrahl kann niemand mehr ausweichen – binnen fünf Minuten ist die Polizei um 100 Meter vorgerückt. Die Demonstranten haben diverse Verletzte zu beklagen. Auch mir bleibt nichts anderes übrig, als den Rückweg anzutreten.

Tags darauf mache ich mich auf den Weg zum Rostocker Stadthafen – der Schauplatz der Krawalle mit Tausend Polizisten, die am 2. Juni um die Welt gingen. Heute soll noch einmal die Abschlusskundgebung abgehalten werden. Von den vermeintlichen Verwüstungen sieht man nichts – die Geschäfte in der Innenstadt sind geöffnet, die Schaufenster intakt. Im Hafen ankern mehrere Boote von Aktivisten – Greenpeace Deutschland ist mit der „Beluga 2“ vertreten. An den zwei Masten ist ein großes Tuch gespannt: „G8 – stop talking – act now!“ Quer darüber ist noch ein mal ein Stück Stoff befestigt, auf dem „Keine Gewalt“ zu lesen ist. Mit den Krawallen vom Sonnabend wollen die jungen Greenpeace-Aktivisten, die allesamt ehrenamtlich arbeiten, nichts zu tun haben. Geschockt sind sie aber auch von dem harten Vorgehen der Polizei gegen die Aktion ihrer Kollegen von Greenpeace International, die versuchten, mit Booten an den Strand von Heiligendamm zu gelangen und den Staatschefs eine Petition zu überreichen. „Lange kann man den Job bei Greenpeace nicht machen, sonst geht man kaputt“, meint einer der Aktivisten. Doch dass US-Präsident Bush sich in Heiligendamm überhaupt bereit erklärt, den Klimaschutz als Problem anzusehen, werten sie schon als kleinen Erfolg.

Die Abschlusskundgebung kommt aber nur schleppend voran. Hunderte von Demonstranten, die von den Blockaden um Heiligendamm zurückkommen, werden von der Polizei zwischen Hauptbahnhof und Hafen aufgehalten, denn wieder werden Ausschreitungen wie zum Wochen-Auftakt erwartet. Auch ich werde mit meinem Taschenmesser von der Polizei freundlich, aber bestimmt aufgehalten. Während ich mich in einem Café von den Strapazen erhole, treffe ich eine Demonstrantin, eine dynamische Endvierzigerin. Sie scheint das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Sie hat sich für die Protestwoche eine Ferienwohnung gemietet. Sie findet, auch die Kirche müsse sich stärker in die Proteste einbringen, damit auch die Bürgerlichen merken, „dass es so nicht weitergeht“.

Als die Polizei zur Sicherung der Veranstaltung einige Einheiten in der Menschenmenge postiert, fühlen sich die Demonstranten von der Polizei aufs Neue provoziert. Wieder ziehen Wasserwerfer auf – einige schwarz gekleidete Demonstranten werden aggressiv. Doch als die Demo-Leitung die Polizei zum Rückzug bewegen kann, kann die Veranstaltung doch noch beginnen. Die Redner erinnern noch einmal an die zahlreichen Rechtsverstöße der Polizei – mehr als 1000 Leute seien in Gewahrsam genommen worden – die große Mehrheit rechtswidrig. Doch will man sich zum Abschluss davon nicht die Laune verderben lassen. „Die Polizei gibt intern selbst zu, dass die Woche 1:0 für die Demonstranten ausgegangen ist“, meint eine der Rednerinnen, was die Menge mit Jubel und „So sehen Sieger aus“-Rufen beantwortet.

Boris aus Russland erklärt in gebrochenem Deutsch: „Die Schlacht ist gewonnen, die Revolution aber müssen wir noch machen!“ Doch die meisten Aktivisten wollen erst einmal ins Wochenende. So leert sich der heiße Asphaltplatz nach und nach. Fast könnte man das ganze doch für ein friedliches Festival halten, dass anders als das Benefiz-Konzert von Rostock das Happening mit politischem Anspruch verbindet - würden nur nicht die Bilder von steinewerfenden Autonomen, von den durch Polizei-Wasserwerfer verletzten Demonstranten im Kopf nachhallen.


Weitere Infos:


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Bild

Fotos: Lino Klevesath




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