2007-06-30

Chronik des Grauens
von Gordon Gernand

Das Live-Aid-Konzert von Rostock mit Bono, Grönemeyer & Co. galt vielen als Konzert-Ereignis des Jahres und lockte zigmal mehr Menschen an als die Proteste um Heiligendamm. Das gute an Benefiz-Konzerten ist wohl, dass das Publikum glaubt, schon etwas Gutes zu tun, wenn sie ihren Lieblingstars zuhören. Beim Spektakel an der Ostsee aber kam weder Musik noch die Botschaft gut rüber, findet Gordon Gernand.


Tälflon, Gas, Älktrik, unzahhlt, un das gäd auch…“ Wie meinen? „Äs is Okäy, alls aufm wäg…“ Was? „Un äs is Sohnänzeit…“ Ach so, die zweite Strophe aus Grönemeyers Mensch. Bono singt die zweite Strophe aus Grönemeyers Mensch. Er versucht die zweite Strophe zu singen, mit all dem verzweifelten Elan, den ein Mensch nur aufbringen kann. Warum das passiert? Na, wir haben doch Gipfel.

Der ist nun schon einige Tage vorbei. Und mit ihm Herbert Grönemeyers große Anti-G8-Gala. Die Live-Aid-Romantik lebt ja gerade von dem Messerschneideritt zwischen einer gesunden Dosis Sendungsbewusstsein und messianischem Kitsch. Ganz abgesehen von den Trittbrettfahrern und Schleimfliegen, denen man die ganze „Helft-den-armen-Kindern“-Nummer nicht abkauft. Die gab es an diesem Abend, so viel muss zur Verteidigung vorgebracht werden, nicht. Zumindest darf man es annehmen.

Das dynamische Weltverbesserungsduo Sir Bob Geldof und „St. Bono“ jetten nun schon seit Jahren mit einer emsigen Geschäftigkeit durch die Weltgeschäfte, die man als Vehemenz oder Penetranz bezeichnen kann. Das kommt auf die Perspektive an. Ihre Beharrlichkeit scheint der Beleg für ehrliches Engagement zu sein. Auch Grönemeyer hat im Leben viel Schatten abbekommen. 1998 verstarben ihm binnen kürzester Zeit Frau und Bruder. Das macht zwar seine Musik nicht besser, aber den Röchler hinter dem Mikro menschlich. Seine Singe „Mensch“ von 2002, klang wie ein Nebelhorn aus dem Tränental, aus dem der Bochumer nun bereit war zurückzukehren. Selbst so mancher, der beim bloßen Namen Grönemeyer normalerweise die Ohren zusperrt, ließ sich von diesem weltschmerzigen Sentiment berühren.

Man mag sich fragen, ob dieses Event nun der richtige Ort sei für elitäre, geschmäcklerische Kunstkritik. Es ging doch um die Menschen, die Hilfe brauchen, um die Politiker, die den Protest nicht hören wollten, um Bilder, die um die Welt gehen sollen, um Musiker, die mal wieder was Sinnvolles mit ihrer Zeit anstellen wollten außer Geld verdienen. (Wenn denn Geldverdienen überhaupt etwas Sinnvolles ist.) Es ging um Schauwerte, Symbole, Zeichensetzen.

Nichtsdestotrotz liest sich ein Bericht dieses Ereignisses wie eine kleine Chronologie des Grauens. Es fängt gar nicht mal mit geladenen Acts wie Silbermond an. Man sollte solche Bands überhaupt in Ruhe lassen. Sich über sie lustig machen beweißt ungefähr soviel Mut wie eine Teilnahme an der englischen Fuchsjagd. Nein, fangen wir mit Youssou N´Dour an. Es geht um Afrika, stimmt´s? Also brauchen wir einen Schwarzen. Der traditionelles Ethnogedöns zum Besten gibt. Ist das jetzt so obligatorisch und prototypisch, dass man es ohne Gewissenbisse unoriginell nennen darf? Oder einfach Teil des Geschäftes?

Weiter im Text. Die Toten Hosen sind dran, spielen „Wünsch dir was“ und „1000 gute Gründe“, einen ihrer interessanteren Songs aus einer Zeit, in der Helmut Kohl noch Kanzler war. Dann ein kurz zuvor einstudiertes „Angela Merkel gibt ´ne Party (und wir sind nicht dabei)“. Programmatik des Anlasses. Und darüber hinaus noch recht brav.

Dann kommt Sir Bob Geldof zu ihnen auf die Bühne. Der Versuch, mit Elvis Costellos „(What´s so funny ´bout) peace, love & unterstanding?“ etwas Subversion und Subtext in die Veranstaltung zu tragen, scheitert. „All you need is love“, der ungenierte Schenkelklopfer der Liebesgeneration, klappt hingegen wunderbar.

Dann stehen Geldof und Campino allein auf der Bühne, die Resthosen verziehen sich. Bono kommt hinzu. Es kommt der „Redemption Song“ und „Get Up Stand Up“, beide von Bob Marley. Bei letzterem sollen sich alle Zuschauer erst hinsetzen, um dann, genau: aufzustehen. Sieht kläglich aus.

Es gibt auch einen fast schönen Moment, in dem sich Geldof und Bono an das Gespräch mit Angela Merkel erinnern, und spontan an eine Zeile aus einem weiteren Beatlessong denken mussten: „You never give your money, you only give your funny papers.“ An den manischen Boogie, den McCartney auf dem Abbey Road-Album nach dieser Strophe inszeniert, wagen sie sich natürlich nicht. Es hätte ohne Band tatsächlich etwas ärmlich getönt. Eine kluge Wahl also, dass es direkt zum Refrain geht: „Boy, you gonna carry that weight…“

Wer zu diesem oder anderen Zeitpunkten die Fernbedienung in die Hand nimmt, bekommt trotzdem eine Überdosis Geldof ab. Es ist gar nicht zu verhindern in diesen Tagen, in denen es selbst die Fernsehteams der Tagesthemen und Kulturzeit zum Ort des Geschehens trieb. Bei Maybrit Illner sitzt Geldof zusammen mit anderen illustren Gästen beisammen und redet über die Entschuldung der Dritten Welt. Politiker können mit Musikern meistens nichts anfangen, sie schauen sie an wie Autos. Ihr Gesichtsausdruck sagt dann: „Nein, das sehe ich nicht ganz so, Herr Rockmusikant. Ähm, wann kommt denn ihre neue ‚Scheibe’ raus?“ In der ARD sieht man den J-8-Gipfel. Jugendliche in schicken Anzügen oder Kostümen, daneben gelangweilte Staatschefs, die sich keine große Mühe dabei geben, ihre Geringschätzung zu tarnen. George W. Bush rekelt sich im Designerstuhl, Sarkozy pult sich den Dreck unter den Fingernägeln weg. Wenn man ihn mit Putin durch den Hotelgarten schlendern sieht, sieht das aus, als ob sich James Bond-Schurken miteinander verbünden.

Aber zurückgezappt zum Ausgangspunkt. Als Grönemeyer, der Hauptact des Tages, „Mensch“ anstimmt, treibt es Bono schon wieder auf die Bühne. In der zweiten Strophe steigt er ein. Er kann sie nicht singen, was ja auch verständlich ist. Deutsch ist im europäischen Vergleich eine schwere Sprache. Warum tut er es dann? Es ist nicht überliefert, ob er eine Wette verloren hat. Es wäre aber eine Erklärung für diese absurde Vorstellung. Und Grönemeyer denkt nicht daran, ihm singend unter die Arme zu greifen. Oder zumindest tut er dies recht spät. Die Melodie geht noch endlos weiter, Bono beginnt im Takt zu delirieren: „Keep the promise!“ Das kein dreißigköpfiger Gospelchor auf der Bühne steht, ist auch alles.

Inzwischen schaffte es Campino, dem Zuschauer doch noch ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, als er einen Kameramann der ARD schelmisch anmacht, erst mal umweltfreundliche Batterien in seine Kamera zu legen, „dann können wir weiter reden.“ Da war er, der ironisierende Subtext. Leider zu leise. Und zu wenig davon.





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