Zwei Spieltage. Es sind nur zwei lausige Spieltage. Und schon kommt einem die Bundesliga vor wie ein Horrorschmöker, in dem genau das passiert, was im Namen des Guten nicht passieren dürfte.
Was in diesem Buch passiert? Bei den Bayern läuft es erst mal so richtig rund. Aber so was von rund. Die millionenteure Kaderrenovierung scheint sich prächtig auszuzahlen. Nach einem standesgemäßen Sieg gegen Rostock nahmen die Bayern drei Punkte aus dem Weserstadion mit. Und das mit einem 4:0. Franck Ribery zaubert, Luca Toni fügt sich prächtig ein. Der Konkurrent Werder Bremen – gedemütigt.
Wie gesagt: zweiter Spieltag. Trotzdem könnte man meinen, die Bayernfans hätten das Skript für die Saison geschrieben, das nun Stück für Stück in die Tat umgesetzt wird.
Noch in der letzten Spielzeit hatten genau jene Bayern eine Schwächephase von gefühlt epochalen Dimensionen durchlitten. Zum Rückrundenauftakt gegen Dortmund verloren, von Bremen und Stuttgart vorgeführt. Am Ende nur Platz vier – kein Platz in der Champions League nach fast zehn Jahren Dauer-Abo! Eine Majestätsbeleidigung, die sich in den Augen von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge unmöglich wiederholen dürfe. Nach der exzessiven Einkaufstour hatte man nicht nur namhafte Neuzugänge aus dem Ausland eingetütet, sondern auch erfolgreich im heimischen Revier gewildert und anderen Vereinen wichtige Spieler weggekauft. Ein seit Jahren beliebtes Mittel, um die Konkurrenz in Schach zu halten. Man kann sich schon fast nicht mehr darüber aufregen. Die Bremer jedenfalls ließen es geschehen und gaben Klose ab. Nicht einmal der anvisierte Tauschhandel mit Lukas Podolski klappte, für den ein Stammplatz bei den Bayern mehr denn je in weite Ferne gerückt ist. Rummenigge antwortete nur salopp, der FC Bayern sei doch nicht dazu da, andere Konkurrenten stark zu machen. Nein, aber anscheinend ist die Bundesliga dazu da, die Bayern stark zu machen.
Werder Bremen kommt nun nicht mit dem Weggang seines Torjägers klar, dessen Wechselabsichten schon in der letzten Runde eine Unruhe in die Mannschaft brachte, die sie womöglich einen sicheren Platz im höchsten internationalen Geschäft kostete. Der Hamburger SV erlebt im Augenblick ein ähnliches Drama. In den vergangenen zwei Jahren konnten sie noch ein Mittelfeldjuwel namens Rafael van der Vaart ihr Eigen nennen. Nun haben sie nur noch eine kapriziöse Nervensäge an Bord, die auf Biegen und Brechen nach Spanien abhauen möchte. Es kümmert den Niederländer dabei nicht, dass man fest mit ihm geplant hat. Es kümmert ihn auch nicht, dass er vor zwei Jahren als bereits abgeschriebenes, dysfunktionales Talent nach Hamburg kam, und erst dort wieder zu voller Stärke heranreifte. Dabei scheint der HSV aus seinen Fehlern zu lernen. Vor einem Jahr ließ man noch mir nichts dir nichts wichtige Leistungsträger abwandern, ohne sich um adäquaten Ersatz zu scheren. Das Resultat war ein halbes Jahr lang Abstiegsangst. Nun pochen sie auf die Einhaltung von van der Vaarts Vertrag. Man hätte sich eine ähnliche Vehemenz vom Weser-Club gewünscht.
Was mit dem Meister VfB Stuttgart ist, weiß zurzeit niemand so richtig. Es ist bezeichnend, dass vor dem Bundesligastart alle Augen auf die neuen Super-Duper-Bayern gerichtet waren. Stuttgart? Ach ja, Achselzucken. Das war eine Überraschung. Die schaffen das doch nicht noch einmal.
Und der ‚Geheimfavorit’ Borussia Dortmund? Der eine tolle Vorbereitung spielte und das Umfeld in eine Euphorie versetzte, die sonst nur den 1. FC Köln nach einem gewonnenen Spiel an den Gewinn der Champions League glauben lässt? Der hat, wie könnte es anders sein, einen astreinen Fehlstart hingelegt. Genauer: den schlechtesten seit zwanzig Jahren. Erst eine Blamage in der eigenen Hütte gegen den unbekümmerten Aufsteiger Duisburg (der danach zu Hause gegen Wolfsburg verlor). Dann die 1:4-Klatsche, ausgerechnet beim FC Schalski 04. Gut, die Fans würden wohl nicht gegen den Sieg im Mai tauschen, der den verhassten Rivalen die Meisterschaft kostete. Aber so was ist jetzt Historie und hilft nicht weiter. Die Abwehr ist schwach, das Mittelfeld ein kreatives Schwarzes Loch, und wenn Alex Frei nicht mitspielt, reicht es nur für Ergebniskosmetik. Verwunderlich, denn genau derselbe Film lief schon in der letzten Saison. Und in der davor.
Dabei scheint es völlig sekundär zu sein, wer gerade im Kader des BVB steht. Seit Jahren bringt es dieses Team fertig, jede große, oder auch bescheidene Erwartungshaltung mit einer veritablen Leistungsverweigerung zu unterlaufen. Dabei ist es ja gut und richtig, im Vorfeld Ansprüche zu formulieren. Wer im Fußball nicht den größtmöglichen Erfolg haben will, soll zu Hause bleiben. Aber es ist schon merkwürdig, dass sich trotz zahlreicher Neueinkäufe nichts am Grundproblem des BVB ändert: dass diese Mannschaft auf vollmundige Versprechen niemals Taten folgen lässt. Und nicht zum ersten Mal beschleicht Fans und Experten das Gefühl, dass dieser Verein keinen sportlichen Input braucht, sondern einen Psychiater.
Und der Rest der Liga? Noch so ein Spieltag wie der vergangene Samstag, und das Programm läuft wie bei einem mechanischen Klavier, bei dem Uli Hoeneß die Notenrolle eingelegt hat. Die Medien werden von den unbezwingbaren Mega-Bayern sprechen, die alles in Grund und Boden stampfen. Die überlebensgroß über der Liga thronen. Und die anderen Vereine werden nach der obligatorischen Klatsche so etwas sagen wie: „Gegen diese Bayern in Topform kannst du einfach nicht gewinnen.“ So wie in der Saison 1998/99, mit dem neuen Trainer Ottmar Hitzfeld und dem neuen Mittelfeldmotor Stefan Effenberg. Da holten sie die Schale mit fünfzehn Punkten Vorsprung. Die Konkurrenz, so schien es, unternahm oft gar nicht erst den Versuch, das Spiel zu gewinnen und legte sich wimmernd auf den Rücken: bitte tut uns nicht weh. So eine Dominanz, solche Herrschaftszeiten drohen wieder, wenn sich der eine oder andere Verein nicht ganz schnell am Riemen reist.
Seit 1999 wurde der FC Bayern sechsmal deutscher Meister, nur dreimal wanderte die Schale jeweils nach Dortmund, Bremen und Stuttgart. Für den durchschnittlichen Bayernfan ist das schon ein unhaltbarer Zustand. Die Meisterschaft ist für ihn ein natürliches Recht, und die permanente Überlegenheit in der Bundesliga ein Naturzustand. Gerät dieses Gefühl in eine empfindliche Schieflage (und die beginnt im Grunde bei Platz 2), setzt ein revanchistischer Reflex ein: In der nächsten Saison sollen sie alle büßen! Es ist die Hybris von kleinen Kindern, die beim Kickern, Murmeln und Play Station-Spielen nicht verlieren können. Wenn sie sich rächen, dann darf es nicht nur ein Sieg sein. Der Gegner soll doppelt und dreifach zerschmettert werden, und die Einzelteile sollen qualmen. Aus allen Himmelsrichtungen soll man die Rauchzeichen sehen: Schaut her, wir sind wieder die mächtigen Bayern!
Uli Hoeneß weiß um die Psyche seiner Anhänger und hat tief in die Tasche gegriffen, um den armen, enttäuschten Konsumenten dieses erhabene Überlegenheitsgefühl wiederzugeben. Damit auch der Letzte endlich begreift: Deutscher Meister wird immer nur der FCB. So war es, so ist es und so bleibt es. Ein Horrorroman, der für den Rest der Liga kein Happy End haben soll.