Eigentlich ist es ja das richtige Jahr, um Bayernfan zu werden. Aber schon in der Bibel steht: Du sollst nicht sündigen. Ich bin nie ein Bayernfan geworden, und werde auch nie einer sein. Das steht für mich so fest wie das Datum meiner Geburt. Und doch wird es schon bald Menschen geben, – es sind dieselben, die bei der WM zu Brasilien gehalten haben – die bald aus ihren Bücherecken kriechen und verkünden werden, dass dieser FC Bayern München den Fußball neu erfunden hat. Dass diese Eleganz einen neuen Maßstab setzt. Und dass ein echter Fußballfreund dieses Team lieben muss. Blabla.
Mal abgesehen davon, dass ich schon immer die meiste Wertschätzung für Spieler wie Dieter Schlindwein, Heinz Gründel, Günther Kutowski, Karl-Heinz Körbel oder Dieter Eilts übrig hatte: Stünde ich selbst auf dem Feld, es wäre mir mein heiligster Auftrag, die Bayern in diesem Jahr aufzuhalten. Ich kann es nicht mehr hören, dass nur über Platz zwei geredet wird, der Platz hinter dem FCB eben. Ich will Spannung, Überraschungen, unglaubliche Spiele. Ich will meine alte Bundesliga zurück.
Siebzig Millionen Euro hat Uli Hoeneß locker gemacht, und sich dafür eine halbe Weltauswahl zusammengekauft. Gegen Bremen spielte die Mannschaft eine fabelhafte zweite Halbzeit: Traumhafte Kombinationssicherheit, elegante Tore und ein absolut modernes Spielverständnis. Aber: Fußball war stets auch ein Spiegel der Zeit. Wenn das stimmt, dann stehen wir jetzt an einem richtig kritischen Punkt. Uns droht die Chelseasierung der Bundesliga. Anders gesagt: Wenn das wirklich unsere Zeit sein soll, und die Mächte der Einkaufsabteilung siegen, dann ist es allerhöchste Eisenbahn, auf ein Südseeatoll auszuwandern und Eiswürfel zu züchten.
Fußballsüchtig bin ich seit frühester Kindheit. Meine Erweckungsstätten waren das Westfalenstadion in Dortmund und das Waldstadion in Frankfurt, verdammt, und ich wehre mich dagegen, dass irgendein Spinner diese Stadien bei ihren neuen Bezahlnamen nennt. Kein Klischee, mein erster Ball war nicht aus Plastik, sondern aus Leder. Ich kenne den dritten Torwart der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 1996, ich weiß, welche beiden Spieler des WM-Finales 1954 zusammen dieselbe Grundschule besucht haben (und sie kamen nicht aus demselben Team!). Fußball war für mich immer eine Mischung aus Leidenschaft, purer Lust und der Freude am Unerwarteten.
Seit August 2007 stehen dunkle Gewitterwolken an meinem Kickerhimmel. Wenn ich im Ausland war, habe ich immer stolz von der Bundesliga erzählt: Nein, wir haben keine vollfinanzierte Dreierclique an der Spitze. Nicht wie in der Premier League, Ehrendivision, Serie A oder der Premiera Division. Bei uns ist alles anders, da gibt es Jahre, in denen grob unterschätzte Spätzlestürmer die ganze Liga aufmischen, während die Millionentruppe aus München fast ein Dutzend Mal vom Feld geprügelt wird. Letzte Saison: Wie geil war das denn? Meine Bundesliga, das war gelebter Föderalismus. Zwergenaufstand in Serie.
Nach den ersten beiden Spieltagen droht uns jetzt eine Saison, die so spannend zu werden verspricht wie ein Mittwochnachmittagsspaziergang in Fulda. Wenn ich Ottmar Hitzfelds Dreamteam in der Sportschau sehe, fühle ich mich genau so „überrollt“ und „demontiert“ wie die armen Gegner auf dem Platz. Um es eindeutig zu sagen: Klar ist diese Truppe astronautisch. Überirdisch. Ja, galaktisch. Aber wer einmal den Film „Mars Attacks“ gesehen hat, der wird nachempfinden können, welchen Sympathiefaktor diese Mannschaft in mein Wohnzimmer kommuniziert. Blecken Luca Toni oder der brutalst neueingekaufte Miro Klose nach einem Treffer die Zähne, dann verfalle ich eher in abwehrendes Zucken denn in Bewunderung. So wie beim Betrachten der Filmszene, in der die Marsianer den amerikanischen Kongress zusammenballern und die Abgeordneten mit Lichtblitzen frittieren.
Es ist, als hätte man Hyänen im Hühnerstall ausgesetzt. Hinterher bleibt nicht mehr viel übrig vom alten Bauernhof Bundesliga. Ich gebe es gerne zu: Ja, ich gönne den Bayern ihren Erfolg nicht. Weil er nicht gewachsen ist, sondern mit dem Scheckbuch zusammenbezahlt wurde. Und mir macht es viel mehr als nur klammheimliche Freude, wenn Wacker Burghausen-Torwart Manuel Riemann anläuft und dem alten Kahn einen versenkt.
Man sagt, dass wir in Deutschland noch viel eher als andere Fußballnationen für Außenseitererfolge zu haben sind. Aber müssten wir dann nicht alle für die anderen 17 Bundesligateams sein, wenn sie gegen den gigantisch großen FCB spielen?
Vielleicht stolpern die Bayern ja nächsten Samstag gegen Hannover. Mag sein, dass der HSV am Wochenende darauf doch mal über sich hinaus wächst. Oder der FCB vertrottelt sich in Cottbus, Bielefeld und Frankfurt. Meine Endorphine hätten Karneval. Hey Schalke, Stuttgart, Nürnberg: Habt Eier! So wahr München die nördlichste Stadt Italiens ist – wir brauchen mehr Gallier.
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