2008-04-29

„Keine zehn Jahre“
von Raphael Geiger

Der Umgang mit China gestaltet sich zwischen Menschenrechten und Wirtschaftsinteressen recht diffizil. In Berlin lebt ein Dissident, der auf einen baldigen Wandel in der Volksrepublik hofft.


Jiao kommt aus dem Land des Lächelns, also lächelt er. Das mag klischeehaft sein, aber es fällt auf, denn sonst ist an dem 44-jährigen Mann aus der alten chinesischen Kaiserstadt Kaifeng wenig, was traditionell chinesisch sein könnte und darauf legt er offensichtlich wert. Er trägt einen breiten, braunen Trenchcoat und eine randlose Brille, seine Haare sind zu einem sauberen Scheitel gegelt, er spricht kehliges, amerikanisches Englisch.

Im Berliner „Café Einstein Unter den Linden“, wo sich immer Abgeordnete aus dem nahen Bundestag treffen, ist er Stammgast. Der dortige Besitzer zeigt auf Wunsch den Tisch, an dem schon mal ein Koalitionskompromiss ausgehandelt wurde. Auf der Website kann man Fotos von Bill Clinton, Gerhard Schröder oder Günther Grass sehen, auf denen sie hier unter den Linden einen Espresso schlürfen.

Jiao Guobiao sitzt auf einem der Stühle mit dünnem, braunen Lederüberzug im Stil eines Wiener Kaffeehauses. Er erzählt von seinem Land. China, sagt er, das sei wie eine Mutter zu ihm, die ihn verstoßen hat. Dann beobachtet Jiao seinen Zuhörer für einen Augenblick und – lächelt: was auch immer er sagt, Jiao hat immer ein Lächeln im Gesicht, mal ist es breiter, mal nur angedeutet, immer aber bleibt es fein, wird nie zu einem Grinsen.

Dann folgt die Erklärung für die Metapher: Er hat die Erziehung von Mutter China zu einem sozialistisch-angepassten Menschen verachtet, sie mit Füßen getreten. Er wollte etwas in den Augen der Mutter sehr Unverschämtes: Freiheit. In einer Hongkonger Zeitung schrieb er einen Artikel über das Propagandaministerium und dessen Methoden. Der Text wurde wegen seiner radikalen Offenheit bekannt, die New York Times druckte ihn ab. Ab da war Eiszeit zwischen Mutter China und Sohn Jiao, er verließ das Land.

Die Volksrepublik China, wirtschaftlich wohl längst ebenso kapitalistisch wie die USA, verweigert ihren 1,3 Milliarden Bürgern nach wie vor jegliche Meinungsfreiheit. Zwar lassen sich mehrere tausend Zetungen im Riesenreich nicht tagtäglich, Satz für Satz zensieren, doch die Staatssicherheit und die Zensoren tun alles, damit nicht auch nur ein Satz Kritik auf volkseigenes Papier gedruckt wird. Die Medien sind gleichgeschaltet, unliebsame Journalisten riskieren in ein Arbeitslager abgeschoben zu werden.

Jiao studierte Journalistik in Peking, an der Universität des Volkes. Den Namen empfand er bald als Häme. Als er nach einigen Jahren als Kulturjournalist bei einer staatlichen Zeitung an die Uni zurückkehrte, um Dozent zu werden, nahm er sich vor, anders zu sein als die Professoren, die ihm als Studenten viel sozialistische Ideologie lehrten, aber wenig, was er hätte brauchen können für journalistische Arbeit.

Er verstand seine Aufgabe anders und versuchte seinen Kursen beizubringen, was er unter Journalismus verstand: Eine grundsätzliche Skepsis, Dinge kritisch zu hinterfragen, nachzuhaken, keinen unnötigen Respekt zu haben vor Leuten, die es nicht verdienen.

Dann gab es Probleme, sagt Jiao. Wieder lächelt er und in seinen Augen blitzt für einen Moment ein gewisser Stolz auf. Es gab Probleme mit dem Unirektor, der den jungen Dozenten auf Linie bringen wollte. Vergebens, Jiao ließ sich nicht beirren. Sein Artikel über das Propagandaministerium gab am Ende den Ausschlag für seine Entlassung. Er kehrte dem Land den Rücken. Zwar kehrte er noch manchmal zurück, doch dann wurde er gegängelt: Ständig stellten sie ihn unter Hausarrest, bis er es nicht mehr ertrug und wieder ging.

Irgendwann kam er dann nach Deutschland. Der Schriftsteller-Verband PEN-Zentrum lud ihn ein, Stipendiat der Stiftung zu werden, so wie andere in Deutschland lebende Autoren aus Ländern wie Iran oder Russland. Jiao nahm an, heute lebt er in Berlin.

Die großflächigen Fenster des Cafe Einstein sind beschlagen von der Dezemberkälte, Kaffeedunst hat sich über die Tische gelegt. Jiao meint, er lehne Patriotismus ab, sein Land sei ihm dennoch wichtig. So sieht er es als seine Aufgabe im Westen, sich für einen Wandel in der chinesischen Politik einzusetzen, also für ein Ende der Diktatur.

Freilich keine leichte Aufgabe in den Zeiten des chinesischen Wirtschaftswunders, der immer größeren Abhängigkeit von Handelsverträgen und Geschäften mit der Volksrepublik. Wer da Dinge wie die mangelnde Meinungsfreiheit anspricht, gerät unweigerlich in die Kritik – nicht nur, wie jüngst nach dem Treffen Angela Merkels mit dem Dalai Lama, von Parteikadern in Peking, sondern auch von deutschen Wirtschaftsverbänden.

Ein immenser Spagat, dessen Ausmaß wohl in den nächsten Jahren zu besichtigen sein wird: Wer für Meinungsfreiheit in China kämpft, dem applaudiert die westliche Öffentlichkeit – und den ohrfeigen die Lobbyverbände. Wer dagegen die Wirtschaftsverbindungen zu fördern sucht und über Mängel bei den Menschenrechten allzu großzügig hinwegsieht, riskiert leicht, forthin als Opportunist zu gelten.

Jiao Guobiao, den das Schicksal noch vergleichsweise mild strafte – er darf sich weiterhin zeitweise in China aufhalten, wenn auch teils unter Hausarrest – schaut auf die Entwicklung in China in einer ambivalenter Art und Weise. Die Olympischen Spiele, die im nächsten Sommer in Peking stattfinden, seien Fluch und Segen zugleich.

Einerseits werde die Situation nur schlechter, weil die Regierung Kritik, die den Sonnenschein der Spiele trüben könnte, tunlichst vermeiden will. So werden Demonstrationen im Vorfeld schon gewaltsam verhindert, Razzien finden statt und „Säuberungen“ in Staat und Medien. Das Land, sagt er, werde poliert, und dadurch nur noch schmutziger.

Andererseits glaubt er, dass die Spiele sehr wohl einen Einfluss auf die Masse haben könnten: Sie gäben ihr vielleicht den letzten Anstoß, den last kick, für mehr Freiheit zu kämpfen. Der Austausch mit Ausländern, den solche Großveranstaltungen mit sich bringen, könne mehr bewirken, als mancher Funktionär sich vorzustellen wage.

Etwa in der Presselandschaft. Die Kraft, von der ein Druck zur Veränderung ausgehen könnte – sagt Jiao. Eine Veränderung der Bedingungen zum Beispiel, unter denen Journalisten täglich bei ihrer Arbeit leiden. Da wird ein Text oder eine Veranstaltung, über die zu berichten sich lohnen würde, von Bürokraten verboten. Da leidet das Blatt, weil die immer gleiche kommunistische Propaganda die Leser irgendwann vergrämt.

Viele holen sich mittlerweile freie Presse aus dem Internet. Die Internetpolizei umgehen sie mittels einer Software, die von Anhängern der in China verbotenen religiösen Bewegung Falun Gong entwickelt wurde. An der Zensur vorbei lassen sich so amerikanische oder Hongkonger Internetseiten frei aufrufen.

Die Partei, die KPCh, reagiert geteilt: Während sich die alten Kader in eine Scheinwirklichkeit verabschieden, spaltet sich ein progressiver Flügel ab, der – mehr oder weniger stark – für Reformen kämpft. Ein laut Jiao wichtiger Schritt hin zu einer sanften Wende in der chinesischen Politik.

„Es gibt Hoffnung“ sagt er, „Hoffnung, dass sich bald alles ändert.“ Jioas Prognose: Es dauert keine zehn Jahre mehr. Wie er das sagt, lächelt er. Schon wieder.


Collage: Daniel Opper




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