Ein roter Schleier aus Morgensonne fällt über die kahlen Lehmberge Nordchinas. Von keinen Bäumen wird er aufgehalten, sondern gleitet mit Leichtigkeit in den Schoß der Felsen und umhüllt die kleinen Dörfer mit wohligem Sonnenlicht. Alles ist so still und sieht so unschuldig aus.
Yi Peng sitzt mit einer Decke über den Oberschenkeln auf seinem Bett im Schlafwagen, blickt hinaus auf eine Heimat, die, wie er selbst sagt, nicht mehr seine Heimat ist. Einen Tag muss er mit dem Zug die 1200 Kilometer von Peking in seine Geburtsstadt Lanzhou fahren. Es ist die Hauptstadt der nördlichen Provinz Gansu, das geographische Zentrum Chinas, eine Stadt fast so groß wie Schleswig-Holstein.
Nur Yi Peng ist bereits wach. In den zwei Betten über ihm schlummern die Männer noch tief und fest, während draußen schon die ersten Bauern ihre Esel zum Pflügen aufs Feld führen. An die Felder schließen weit draußen mächtige Berge an, die in fast keinem Kontrast zum Himmel stehen - so staubig ist die Luft in dieser Gegend, so staubig, dass man den Sand sogar riechen kann. Er kommt weither, aus der Wüste Gobi und dringt auf seinem Weg in den Osten in jede Ritze. Oft schafft der Gobi-Sand es sogar bis nach Japan. Die chinesische Regierung forstet kahle Berge auf, um die lästigen Sandstürme endlich aufzuhalten. Auch hier haben einige Hügeln bereits einen Irokesenschnitt aus Tannen verpasst bekommen.
Meist rauschen jedoch völlig nackte Felsen am Fenster vorbei. In manchen von ihnen sind Löcher zu sehen. „Das sind Höhlen in denen manche Bauern wohnen“, sagt Yi Peng schnell. Solche Höhlenwohnungen sind typisch für das Bergland des Nordwestens, dessen Lehm sich sehr leicht bearbeiten lässt. Die Höhlen sind im Winter warm, die heißen Sommer über kühl.
Er kehrt mal wieder zurück in seine Heimat, aber Heimatgefühle hat Yi Peng nicht. „Es gibt nichts Langweiligeres als diese Landschaft“, sagt er. „Alles kahl, keine Bäume, nur Steppe.“ Aber es ist nicht nur die Landschaft. Zwar fühle er sich trotz englischer Staatsbürgerschaft sehr wohl als Chinese, aber die Beziehungen, die Heimat ausmachen, fehlten ihm einfach. Seine Mutter sieht der 20-Jährige nur alle zwei Jahre, eine innige Beziehung habe er nicht zu ihr, sagt er. Zehn Jahre alt war er, als sich sein Vater wegen einer Engländerin und vor allem England von seiner Mutter trennte.
Eine Chinesin in Bahnuniform schiebt plötzlich einen Rollwagen vorbei, auf dem Topfdeckel, Flaschen und Gläser klirren. „Eier, Joghurt, Nudeln“, brüllt sie durch das Abteil. Schläfrig blinzeln die Zugpassagiere aus ihren halbgeschlossenen Augen hinunter auf den Wagen. Für Nudeln lassen sich die Nordchinesen, vor allem die Lanzhouer gerne aus ihren Träumen reißen. Ihre Leibspeise und auch die Yi Pengs sind „Niu Rou Mian“, eine Art Rindfleischnudelsuppe, die es hier schon zum Frühstück gibt. Die erinnern Yi Peng daran, warum es sich lohnt herzukommen. „Am meisten freue ich mich auf das Essen. Das hat mit den europäisierten Gerichten in den China Woks einfach gar nichts zu tun und schmeckt mir tausend Mal besser. Da kommen dann wirklich Heimatgefühle auf“, sagt er, als die Männer über ihm aus ihren Betten klettern. Darin sind die Chinesen besonders geübt. Für sie ist es kein Problem, einfach mal aus zwei Meter Höhe ohne Leiter in Kürze wieder auf festem Boden zu landen. Alles muss für diese Hochseilakrobatik herhalten: Bettkanten, Kofferablage und sogar der kleine Klapptisch auf der gegenüberliegenden Seite.
Auf Bäume klettern, erinnert sich Yi Peng bei diesem Anblick, war das Größte für ihn und seine Freunde als er noch klein und ein Chinese war, denn Spielplätze gab es nicht - genauso wenig wie heute. Er denkt gerne daran, welchen Spaß er mit seiner Räuberbande früher hatte, aber vermissen tue er es nicht. „Als ich das erste Mal meine Mutter besuchen ging, hab ich noch den ganzen Heimflug über geweint, weil ich nicht weg wollte. Ich wollte bei ihr bleiben und bei meinen alten Schulkameraden“, sagt er.
Doch jetzt sei alles anders. Seine einstigen Schulfreunde studieren schon längst im ganzen Land und auch aus seiner Erinnerung seien sie verschwunden. Nur seine Mutter kennt sie noch und erzählt ihm immer, wen sie alles getroffen hat. Dann müsse sie ihm meistens erst einmal erklären, wer das noch mal war.
Das Bauernkind draußen vor dem Fenster wird höchstens eine Grundschule von innen sehen. Die Augen aus seinem mit Erde verschmierten Kindergesicht verfolgen neugierig den Zug, der mit einem unangenehmen Rattern direkt neben dem Feld auf den Gleisen mehr holpert als fährt. Die Hände hat der Junge dabei weiter tief im Sand vergraben, in den er Samen drückt – um zehn Uhr morgens, während Stadtkinder eifrig quadratmetergroße Pergamentbögen voll Matheaufgaben lösen.
Doch seine Eltern brauchen alle fleißigen Hände auf dem Feld. Da darf nicht eine fehlen. „Das Geld würde auch gar nicht reichen, um nur eines ihrer Kinder auf eine Mittelschule in die Stadt zu schicken“, sagt Yi Peng, während er dem Jungen nachschaut. „Wenn ein Kind in die Stadt geht, dann nur um die Familie zu ernähren als Möbelschlepper, Altenpfleger oder bei einer Arbeit, die nicht viel Geistiges abverlangt.“ Auch die meisten Zuginsassen im Sitzabteil kommen vom Land. Viele von ihnen sind Wanderarbeiter. Von ihnen gibt es etwa 200 Millionen in China. Sie leisten in Großstädten Knochenarbeit für einen Hungerlohn.
Im Schlafwagen ist nun auch der Letzte aufgewacht. Das ganze Abteil hat sich in einen einzigen Bienenstock verwandelt, in dem unaufhörlich Leute mit ihren Waschbeuteln in die Toiletten schwirren und Elektrorasierer an Drei-Tage-Bärten summen. Yi Peng und ein Zuggenosse sitzen mittendrin und frühstücken im hektischen Treiben ihre Nudeln. Sein Gegenüber leckt sich die letzten Nudelreste um den Mund ab und wirft anschließend den leeren Pappbecher auf den Boden. „Die Chinesen haben es halt nicht so mit dem Umweltschutz und der vorbildhaften Müllentsorgung“, sagt Yi Peng.
Ein Blick aus dem Fenster genügt als Beweis. An den Gleisen türmen sich Müllhaufen. Müllverbrennungsanlagen gibt es hier draußen nicht. „Eindeutig Papiersammler“, sagt Yi Peng und zeigt mit dem Finger auf Menschen, die in einem der Berge wühlen. Sie ziehen in den Städten von Haus zu Haus, stöbern in Mülltonnen und halten Ausschau nach Leuten, die gerade umziehen, denn dort gibt es am meisten verwertbaren Abfall. Die Müllsammler verkaufen das Papier dann an größere Händler, die wiederum ihr Geld von Recyclingfabriken bekommen. Auch Plastik und Schrott sind für die Ärmsten der Gesellschaft pures Gold.
Zwischen den Müllhaufen lugen Grabsteine hervor, Familiengräber, die immer am Rande des Felds errichtet werden, direkt am Gelben Fluss, der hier entlang fließt und eine braune Dreckbrühe Richtung Osten mitnimmt. Sie verleiht dem zweitgrößten Fluss Chinas seinen Namen.
„Der war auch schon mal breiter“, sagt Yi Peng. Nicht nur der Gelbe Fluss, sondern auch alle anderen Ströme schrumpfen allmählich, weil die Großstädte für Industrie und Haushalte den Flüssen zu viel Wasser entziehen. Der Gelbe Fluss hat schon seit Jahren nicht einmal mehr die Mündung erreicht.
Und dann gerät alles Wasser aus dem Blickfeld und in Erscheinung tritt die Lanzhouer Schwerindustrie. Noch etwa eine Stunde bis zur Endstation im Stadtzentrum. Slumähnliche Backsteinhütten liegen wie Geisterdörfer vor der Stadt. Wellblechdächer sitzen schief auf den Häusern, die Fenster haben keine Scheiben, manchmal ist ein Brett davor genagelt ist, um gegen den Wind zu schützen. Kein Mensch ist zu sehen.
Je weiter man fährt, desto größer werden die Häuser, wenn auch nicht moderner. Mal sieben Stockwerke, mal 15, in der Innenstadt dann 30. Bis in den dritten Stock sind alle Fenster vergittert. Wo soviel Armut herrscht, ist man vor Dieben nie sicher. Manche Leute schließen sich sogar jede Nacht in ihren Schlafzimmern ein, damit wenigstens sie bei einem Einbruch heil davonkommen.
Und dann fährt Yi Pengs Zug endlich in den Lanzhouer Hauptbahnhof ein. Eine Menschenmasse hat sich am Gleis versammelt, um nach ihren Liebsten Ausschau zu halten. Yi Peng ist nicht hektisch. Seine zierliche Mutter winkt schon, klopft von außen an die Scheibe und ein paar Sekunden später steht sie vor ihm, um ihm beim Koffertragen zu helfen. Sie schließen sich in die Arme, ganz fest. Yi Peng ist wieder zu Hause.