STREITBAR

Beirut Blues – Teil 2

von Lino Klevesath

Am 19.2. war Lino Klevesath nach dem Anschlag auf al-Hariri im Libanon. Hier sein (vor dem Rücktritt der Regierung) verfasster Bericht.

Augenscheinlich ist in Beirut auch nach dem Anschlag alles beim Alten geblieben: Die Leute flanieren in der Innenstadt, machen es sich in den Cafés bei sehr frühlingshaften Temperaturen gemütlich. Doch in jedem Schaufenster hängt das Antlitz von Rafiq al-Hariri. Der Schock ist mit der Beerdigung nicht vorbei. Seit der Beerdigung am vergangenen Mittwoch in einer der Moscheen hört der Muezzin nicht auf mit der Koran-Rezitation, und jeden Tag strömen Menschen aller Konfessionen zum Ort, um den ehemaligen Ministerpräsidenten zu trauern.

Immer noch steht vor dem Eingang der Moschee ein riesiges Zelt. Eine Gruppe Christen tragen ein überdimensionales Glitzerkreuz für den sunnitischen Muslim. Überall um den Platz wurden riesige Holzwände mit Papier überklebt, so dass die Trauernden ihrer Verzweiflung, vor allem aber ihrer Wut freien Lauf lassen können. In arabischer Druckschrift findet sich der Mitte die Stellungnahme der Regierung: Nurid al-chaqiqa (Wir wollen die Wahrheit.) Das Volk jedoch bleibt wenig zurückhaltend und zeigt in den Kommentaren sehr offen, wen es für den Tod verantwortlich macht: Syrien. „Syria you made Libanon dirty like you are“, ist zu lesen und auf auf Arabisch: „Unabhängigkeit.“ Indirekt ist das alles ein Protest gegen die eigene Regierung, die mit den syrischen Besatzern kooperiert.

Aus der Gruppe der Trauernden kommt ein 17-Jähriger auf mich zu, der mich ob meiner Kleidung sofort als Deutscher erkennt. Er sei in Nordhorn (Niedersachsen) geboren und dann mit seiner Familie hierher zurückgekehrt. Zum Studieren wolle er wieder nach Deutschland zurück. „Beirut ist dreckig, außer der Innenstadt ist alles Mist.“ Doch die meisten sehen es wohl anders, ein Schreiber meint, Beirut werde nie zur „Nekropole.“

Das erstaunliche an den bunten Schriftzügen in arabisch, englischer, französischer und sogar deutscher Sprache ist, dass das alles in einem arabischen Land passiert. Sonst werden in der Region aufbegehrische Forderungen des Volkes gern mit Polizeigewalt und Folter beantwortet. Ob sich nach Ende des Schockzustandes aber wirklich ein demokratisches Miteinander herausbilden kann, ist unklar. Im Libanon wird jeder Posten durch ein genauen Schlüssel an die einzelnen Konfessionen verteilt: der Präsident ist Christ, der Ministerpräsident Sunnit, der Präsident des Parlaments Schiit, so dass sich jahrzehntealte Seilschaften unter den einzelnen Gruppen gebildet haben und wirkliche Wechsel sehr schwierig sind. Insbesondere bei der Frage nach Gerechtigkeit des Verteilungsschlüssels kochen die Emotionen schnell hoch. Schließlich ist der Bürgerkrieg, in dem fast jeder gegen jeden kämpfte, erst 15 Jahre vorbei.

Der Ort des Bombenanschlags selber liegt an der berühmten Corniche. Anders als in Damaskus sieht man sonst nicht nur teetrinkende Männergruppen und verschleierte Frauen, sondern joggende Libanesen in knapper Sportbekleidung oder sogar Inline-Fahrer. Jetzt aber ist der Ort weiträumig von Soldaten abgesperrt. Doch die syrische Armee versucht sich nicht so sehr in den Vordergrund zu drängen. Aus der Ferne erkennt man das ernorme Ausmaß der Explosion - an einem der betroffenen Gebäude fehlt die gesamte Fassade. Selbst hinter Absperrung sind in einigen Gebäuden noch die Fensterscheiben zerborsten. Auch hier ein ähnliches Bild: Die Menschen strömen so nah wie möglich an die Unglücksstelle, hinterlassen Kerzen, Transparente.

Ein völlig anderes Bild hingegen bietet sich am Morgen in Baalbek im Osten des Landes, eines der Zentren der Hizbullah („Partei Gottes“). Auch hier hängen die Bilder al-Hariris. Doch die Stadt steht im Zeichen des Aschurafests, dass die Terrororganisation mit einer Demonstration verbindet. Aus der ganzen Umgebung kommen Busladungen von Anhängern, darunter sehr viele reine Frauengruppen. Die Männer schlagen sich mit Ketten symbolisch über beide Schultern und bewegen sich dabei im Marschtakt – im Gegensatz zur brutalen Selbstzüchtigung im Irak sieht das ganze vergleichsweise harmlos aus. Fast wie bei der Love Parade wird der Umzug von vielen Lautsprecherwagen begleitet, die Parolen verbreiten, die die Menge nachruft. Natürlich fallen obligatorische Sätze wie „Tod für Amerika, Tod für Israel“. Unsere kleine Gruppe wirkt reichlich deplatziert, wir ziehen alle Blicke auf uns, die Sicherheitskräfte durchsuchen alle drei Minuten unsere Taschen. Schließlich wird uns das Fotografieren verboten.

Wie sich die Gruppe, die eigentlich immer noch einen schiitischen Gottesstaat nach iranischem Vorbild anstrebt, bei einer Demokratisierung verhalten würde, ist schwer zu sagen. Doch betrachtet man das Elend der einfachen Hütten, die vielen Menschen in der Baalbeker Umgebung als Zuhause dienen, weiß man, dass sie der wirtschaftliche Aufschwung in Beirut nicht unbedingt glücklich gemacht hat. Am Ortsausgang findet sich ein Fanshop der Hizbullah. Hier gibt es von CDs mit Kampfliedern bis hin zu T-Shirts mit der Aufschrift „Islamischer Widerstand“ alles zu kaufen. In der Selbstdarstellung legt man Wert darauf, dass man als „Widerstandsgruppe“ nichts mit dem Terrorismus gemein hat. Die Hizbullah dient Syrien - unterstützt vom Iran - noch immer als indirektes Druckmittel gegen Israel. Die beiden Länder, die jetzt unter hohem internationalen Druck stehen, haben bei Verhandlungen nicht viele Trümpfe in der Hand, und so werden sie den Libanon wohl kaum einfach aufgeben.

Dennoch: Das Land ist in Bewegung, daran gibt es keinen Zweifel. Doch wohin der Libanon nach dem Abzug der syrischen Truppen steuert, bleibt unklar. Dcoh vielleicht könnte der neue Libanon dem Westen kaum besser gefallen als der alte.



1. Libanon-Kolumne : Beirut Blues - Teil 1

Kommentare:

sol (16.11.05 15:29): 123

lio hoiok mise

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Foto: Lino Klevesath