Denn mit dem Copyright sind oftmals exorbitant hohe Lizenzgebühren verbunden, was wiederum die illegale Verbreitung von geistigem Eigentum fördert, denn kaum jemand kann und will die geforderten Gebühren zahlen. Dem soll nun Einhalt geboten werden, dank Lawrence Lesssig und seiner Idee der Creative Commons. Die Creative Commons ist eine Organisation, die ein neues Urheberrechtssystem eingeführt hat. Es soll dem Autor die Möglichkeit geben, über den Umfang der Rechte am eigenen Werk selbst zu bestimmen, um eine legale Vervielfältigung und Verbreitung zu ermöglichen, die Kreativität zu fördern und trotzdem Rechte zu behalten.
So ist es Autoren möglich, eine legale nichtkommerzielle Verbreitung ihrer Werke zuzulassen, diese jedoch an bestimmte Auflagen zu binden. Dabei müssen sie keineswegs alle Rechte aufgeben, machen es aber auch nicht zwangsweise durch übermäßigen Rechtsschutz für andere unnutzbar. Der Urheber kann bestimmte Arten der kreativen Weiterverwertung seines Werkes ausdrücklich zulassen Creative Commons eröffnet Usern und Autoren damit völlig neue Dimensionen der Kreativität und Individualität im Umgang mit geistigem Eigentum, von der Industrie unabhängiger den je.
Damit schließen die Lizenzen der Creative Commons an das prominente Beispiel der „Free Software Foundation“ an, die vor etlichen Jahren mit dem „Open Source“-Prinzip eine offen zugängliche Nutzung und Weiterentwicklung von Softwareprogrammen in Gang setzte. Die daraus entstandenen Programme wie Linux sind heute jedermann ein Begriff.
Das Prinzip der Creative Commons hingegen ist hierzulande noch nicht sehr bekannt, doch der Trend zu dem alternativen Lizenzrecht ist deutlich sichtbar. Veranstaltungen wie der „Open Music Contest“ in Marburg tragen dazu bei. Beim „Open Music Contest“ nehmen Bands mit Songs, die unter den Creative Commons lizensiert sind, teil und kämpfen um attraktive Preise, wie einen Platz auf dem höchst begehrten Sampler, der jedes Jahr aufs neue schnell vergriffen ist. Ich sprach daher mit Meik Michalke einem der Organisatoren des „Open Music Contests“.
Herr Michalke, welche Vorteile bietet eine Creative Commons-Lizenz für User und Autoren?
Zunächst muss man verstehen, dass die CC-Lizenzen so etwas wie ein "Plugin" für das bestehende Urheberrecht sind. Es wird also nicht ersetzt, sondern um ein paar Features erweitert, die viele vermisst haben, deren Nutzungsgewohnheiten sich durch das Internet stark geändert haben. Als Urheber besitzt du automatisch alle Rechte an deinen Werken und müsstest für jede Nutzung einen Vertrag abschließen. Wenn du aber möchtest, dass eines, mehrere oder alle deine Werke z.B. ruhig frei durch das Internet zirkulieren dürfen, solange immer dein Name als Urheber genannt wird, dann kannst du durch die Wahl einer entsprechenden CC-Lizenz genau dies erreichen, ohne irgendwelchen bürokratischen Aufwand. Die Nutzung der Lizenzen ist auch für alle Zwecke völlig kostenlos.
Als Lizenznehmer, wenn ich mir z.B. eines deiner Werke herunterlade, habe ich den großen Vorteil, auf den ersten Blick erkennen zu können, was du mir damit alles erlaubst, ohne das ich darüber mit dir eine besondere Vereinbarung treffen muss. Ich kann auch gezielt nach Werken suchen, die mir die Freiheiten zugestehen, die ich für ein Projekt brauche, beispielsweise die Erlaubnis zur Verwendung eines Ausschnittes in einem eigenen Werk. Aber auch wenn ein Werk zunächst nicht alle Freiheiten mitbringt, werde ich vielleicht eher auf dein Schaffen aufmerksam, weil in einem Blog begeistert darüber geschrieben wurde und ich es dort direkt runterladen konnte, oder es mir eine Freundin auf CD gebrannt hat. Da in jedem Fall dein Name genannt werden muss, kann ich dich dann immer noch kontaktieren und nachfragen, ob du unter anderen Bedingungen auch mit einer abweichenden Nutzung einverstanden wärst. Die freie Weitergabe deiner Werke erhöht also die Aufmerksamkeit, die du erhältst. Die Lizenzen werden von erfahrenen Juristen an das jeweils national geltende Urheberrecht angepasst, sie bieten damit für beide Seiten entsprechend rechtliche Sicherheit.
In wieweit kann Creative Commons das Bewusstsein unserer Gesellschaft beeinflussen, was den Umgang mit geistigem Eigentum betrifft?
Ich denke, der gewandelte Umgang mit geistigem Eigentum ist gesellschaftlich bereits ein Faktum, und die Organisation „Creative Commons“ ist vielmehr eine Reaktion auf diese geänderten Bedürfnisse.
Übrigens finde ich den Begriff "geistiges Eigentum" diskussionswürdig und "geistige Monopole" viel treffender. Und zwar weil es wohl offensichtlich unmöglich ist, als einzelner etwas Neues zu schaffen, ohne von unserer jahrhundertealten Kulturgeschichte direkt und indirekt beeinflusst zu sein. Werke derart zu schützen, dass du eine geniale Interpretation erst dann dem Rest der Menschheit mitteilen darfst, wenn du dafür bezahlen kannst, sehe ich als Verlust für uns alle. Das Prinzip freier Lizenzen hat Creative Commons ja auch nicht "erfunden". Der prominenteste Vorläufer ist hier sicherlich die „Free Software Foundation“, die mit dem Prinzip des "Copyleft" seit über 20 Jahren erfolgreich arbeitet. Anfangs wurde das belächelt und nicht weiter ernst genommen, heute sind GNU/Linux, OpenOffice oder Firefox etablierte Größen. Es war wohl einfach an der Zeit, dieses Prinzip auch auf Dinge anzuwenden die nicht Software sind. Und ich denke, im Falle Creative Commons wird es nun keine 20 Jahre dauern, bis sich das Prinzip durchsetzt, denn zum einen ist der allgemeine Leidensdruck nach frei verfügbaren Werken viel größer, und zum anderen muss sich im Gegensatz zu Softwarealternativen niemand irgendwie umgewöhnen, um einen freien Film zu sehen, einen freien Text zu lesen oder freie Musik zu hören.
Es geht nicht zuletzt auch um Respekt. Ich finde den Begriff "Raubkopierer" schrecklich und völlig falsch, wenn es um private Downloads geht. Er hat vermutlich mehr Respekt zerstört als geschaffen, und zwar auf beiden Seiten. Ich denke, dass ein Lizenzmodell wie Creative Commons auf lange Sicht hier auch wieder viel reparieren kann, weil ich mich z.B. auch als Fan respektiert fühle, wenn du mir erlaubst, selbst Werbung für dich zu machen, oder auf deinen Werken direkt aufbauen zu können, ohne das bei interessierten Nachfragen abstreiten zu müssen.
Wie sehen Sie die Erfolgschancen für junge Künstler, die unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlichen wollen?
Das ist natürlich schwer vorherzusagen. Was ist "Erfolg"? Creative Commons kann zunächst direkt dabei hilfreich sein, die Bekanntheit der eigenen Werke zu erhöhen. Für viele ist anerkennende Fanpost vielleicht sogar wichtiger als eine eigene Sportyacht.
Aber auch bei allen Projekten, die finanziell Gewinne abwerfen sollen, werden Bekanntheit und Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle spielen. Ich persönlich würde jedenfalls kein Geschäftsmodell mehr für tragbar halten, das auf der Kontrolle von Bild-, Ton-, Text- oder ähnlichen Informationen beruht, weil diese eher früher als später unkontrolliert im Netz zirkulieren werden. Informationen wollen frei sein.
Auch Freigeister müssen leben. Inwiefern ist es möglich über die Lizenzgebühren für die Nutzung meines Werkes individuell zu bestimmen?
Creative Commons führte kürzlich eine Erweiterung für die Lizenzen ein, die hierfür sehr nützlich ist: "CC+". Ich kann damit eine bestimmte Lizenz angeben, z.B. die kommerzielle Nutzung ausschließen, und für den Fall, dass jemand mehr Rechte in Anspruch nehmen möchte, auf eine beliebige weitere Vereinbarung verweisen, auch auf völlig frei bestimmbare Bezahlangebote.
Man darf sich hier aber auch nichts vormachen -- man wird durch die Wahl einer bestimmten Lizenz genauso wenig von selbst reich und berühmt, wie man es bisher durch einen unterschriebenen Plattenvertrag wurde. Was am Ende den eigenen Erfolg ausmacht ist vor allem die Qualität der veröffentlichten Werke, daran ändert sich durch die Lizenzierung nichts. Creative Commons ist so gesehen selbst kein Erfolgsbeschleuniger, sondern eher das bewusste Wegtreten der Hemmschuhe, die der eigenen Aufmerksamkeit vielleicht im Weg stehen. Die so gewonnene Aufmerksamkeit dann effektiv zu nutzen ist eine Aufgabe, die man selbstverständlich weiterhin selbst meistern muss.
Ich finde es übrigens etwas schade, dass bei Gesprächen zu freier Kultur zwar meist früh eine Frage kommt, wie man damit trotzdem Geld verdient, aber selten mit der gleichen Hartnäckigkeit nach den kreativen Auswirkungen gefragt wird. Es geht hier um Kultur, und die fängt ja nicht erst dort an, wo jemand das Ziel hat, Geld damit zu verdienen. Creative Commons fördert die Aufmerksamkeit für reine Überzeugungstäterinnen in gleicher Weise wie für umsatzorientierte Schaffende, so dass es zu einem kreativen Wettbewerb um beeindruckende Ideen kommt. Das haben wir, glaube ich, auch bitter nötig. Der wirtschaftliche Wettbewerb um sichere Verkaufszahlen hat nach meinem Empfinden jedenfalls vielfach zu kreativem Stillstand geführt. Ich fand das vor ein paar Jahren so unerträglich, dass ich aufgehört habe, Musik im Radio zu hören. Schon die Einsendungen zum ersten Open Music Contest waren dann für uns alle wie eine kleine Offenbarung.
Wird es nicht insbesondere schwer sein eine Basis zu finden, auf der man seine Musik veröffentlicht um selbst auch kommerziellen Gewinn zu erzielen, da viele Plattenlabel z.B. die nichtkommerzielle Vervielfältigung der Musik durch Dritte untersagen würden?
Die Frage klingt ein wenig nach der fast romantischen Vorstellung der Newcomerband, die nach ihrer Entdeckung durch das große Label über Nacht zu Weltruhm kommt und von nun an auf Händen getragen wird. Courtney Love rechnete vor einer Weile öffentlich vor, wie man als Band durch übliche Plattenverträge selbst nach einer Million verkaufter Alben finanziell bei Plusminus Null stehen kann. Wer glaubt, von den 15 oder 18 Euro, die man für eine CD im Laden lässt, stehe der Großteil den darauf zu hörenden Künstlern zu, irrt sich. Ich fühle mich inzwischen wieder an die 1980er erinnert, wo große Quizshows regelmäßig Benefizschallplatten für gute Zwecke anpriesen. Auf denen war dann ein Aufkleber: "2 Mark geht an das Rote Kreuz". Man sollte sich so einen Aufkleber heute auf jeder Industrie-CD vorstellen: "Eine Spende von 1 Euro geht an die Künstler". Wer mit Musik Geld verdienen möchte, steht vor diesem Problem also nicht unbedingt durch freie Lizenzen.
Im Gegenteil entstehen derzeit immer mehr Musikportale und Netlabels, die sich auf freie Musik spezialisieren, dies aber mit dem Verkauf herkömmlicher CDs oder ähnlichem ergänzen, und sie bieten mitunter sogar nicht-exklusive Verträge an, d.h. ich kann bei mehreren gleichzeitig anbieten, wenn mir das sinnvoll erscheint. Hier kann ganz realistisch eine Szene von Independent-Labels wie der Phönix aus der Asche auferstehen und damit glänzen, wirklich aufregende Musik im Angebot zu haben.
Außerdem sind die Produktionskosten durch digitale Technik unglaublich gesunken. Für ein paar hundert Euro kann man sich Equipment kaufen, das aus dem Heim-PC ein digitales Studio macht. Freie Software wie Ardour macht noch nicht einmal teure Lizenzen für etablierte Recording-Suiten nötig. Und wer schon mal eine CD hat pressen lassen, weiß, dass auch das fast nichts mehr kostet, ich kann sie also sehr günstig anbieten, ohne auf eine angemessene Gewinnmarge zu verzichten. Ohne klassischen Vertrag kann so unterm Strich die paradox wirkende Situation entstehen, dass ich mit weit weniger verkauften Einheiten eines Albums trotzdem deutlich mehr in der Bandkasse habe.
Welche Rolle spielt der Open Music Contest in der Bewegung der Creative Commons?
Er ist mit bisher etwa 160 teilnehmenden Bands, 7.000 verteilten Samplern, mehreren Tausend Konzertbesuchern und Terabytes an Downloads vermutlich eines der aktuell größeren Projekte.
Ich denke, das Besondere am OMC ist sein aufklärerischer Ansatz. Wir wollten nicht einfach einen Bandwettbewerb ausrichten, sondern auf das Urheberrecht und seine Ergänzungsmöglichkeiten durch CC-Lizenzen aufmerksam machen.
Und zwar sowohl direkt bei Musikern, die sich mit rechtlichen Dingen oft erst viel zu spät beschäftigen, aber auch bei den Marburger Studierenden. Denn zu der Zeit waren die ersten Pläne des Gesetzgebers vernehmbar, durch die nächste Urheberrechtsnovelle bezahlbare Literaturdienste wie Subito zugunsten der Fachverlage gewissermaßen aus dem Markt zu reformieren. Offenbar beschäftigen sich auch AkademikerInnen gerne zu spät mit Rechtlichem, wissenschaftliche Arbeiten werden bei gleicher Qualität zukünftig deutlich teurer. Wir wählten Musik als praktisches Beispiel, um die Beschäftigung mit dem Thema attraktiver zu machen. Der OMC ist bei genauerer Betrachtung also mehr als ein Wettbewerb um Musik, sondern ein kulturpolitisches Projekt der Studierendenvertretung, um nicht zuletzt Bewusstsein für den Wert freier Wissenschaft zu erzeugen.
Der erste OMC war als einmaliges Experiment gedacht, aber die Resonanz war so positiv, dass wir ihn fortführten. Außerdem hat sich an der Dringlichkeit zur Aufklärung nach wie vor nichts geändert, so dass er inzwischen regelmäßig stattfand. Für die meisten Beteiligten war ihre Teilnahme die erste Berührung mit Creative Commons, und wir erhalten häufig Rückfragen zu Details, woran wir sehen können, dass wir jemanden zum Nachdenken gebracht haben.
Inzwischen entstehen Kontakte zu Interessierten im Ausland, etwa in den Niederlanden, Kanada, Österreich oder Schweden, die erwägen, selbst einen OMC durchzuführen
Wie sehen Sie die Perspektiven für Creative Commons?
Seit Napster vor etwa zehn Jahren die Welt ein bisschen auf den Kopf stellte, kämpft die Medienindustrie gegen eine Idee. Nennen wir es mal die Idee eines globalen Archivs kultureller Schätze, das allen frei zur Verfügung steht. Diese Idee ist ziemlich mächtig, und ich glaube, man bekommt sie früher oder später automatisch, wenn man mal für irgendwas das Internet benutzt hat. Es ist einfach sofort jedem Laien klar, dass das technisch überhaupt kein Problem ist.
Das Problem sind festgefahrene Geschäftsstrukturen - bleiben wir beim Beispiel Musik, denn hier ist es, glaube ich, besonders extrem: Früher hast du als Musiker mit einer Plattenfirma einen Vertrag gemacht, die wiederum Verträge mit einem Vertriebspartner hatte, der deine Musik in Plattenläden stellte, und dort kauften sie deine Fans. An dieser Nahrungskette führte über Jahrzehnte eigentlich kein Weg vorbei, wenn du deine Musik verbreiten wolltest, daher saßen die Labels ganz vorne am längsten Hebel.
Spätestens als die großen Majors all die kleinen, mutigen Indie-Labels kaputtgekauft hatten und anfingen, sich gegenseitig zu verschlucken, warst du als Musiker aber faktisch in einer "Friss-oder-stirb"-Position, wenn du nicht schon zu den angesagten Top-Acts gehörtest.
Die Notwendigkeit, sich in diese unterlegene Position zu zwängen, besteht nicht mehr, seit jeder die Verbreitung auch selbst über das Internet erledigen kann. Das Problem ist heute also nicht mehr der Vertrieb, sondern wie man auf sich aufmerksam machen kann. Da setzt die Medienindustrie meiner Ansicht nach auch zehn Jahre nach Napster noch immer auf die falschen Pferde.
Ich war kürzlich auf der offiziellen Homepage von Sinead O'Connor, von der ein aktuelleres Live-Video auf YouTube verlinkt war. Als ich es ansehen wollte, bekam ich nur zu lesen, der Clip sei auf Betreiben des Labels wegen Copyrightverstoßes entfernt worden.
Wenn ich das alles zusammennehme und zurück auf die Idee des kulturellen Archivs blicke, sehe ich weiterhin großen Zulauf für Creative Commons. Man darf auch nicht vergessen, dass hinter diesem Lizenzprojekt keine Gewinnabsichten stehen, sondern dass die Organisation bemüht ist, einen Konsens zwischen Kreativen und Öffentlichkeit zu schaffen - das ist doch ein äußerst zukunftsträchtiges Modell.
Creative Commons wurde gerade fünf Jahre alt, die Lizenzen liegen trotz dieser relativ kurzen Zeit aber schon in der dritten Version vor, was ein sehr gutes Zeichen ist - es gibt einen fruchtbaren Austausch innerhalb der Community, und man ist flexibel genug, um erkannte Bedürfnisse in überschaubaren Zeiträumen in den Lizenzbaukasten aufzunehmen. Und mehr als 200 Millionen Weblinks auf einzelne Lizenzen lassen gut erkennen, dass dieses Modell bereits große Zustimmung erfährt.





