STREITBAR

Kein Showdown in der Wolfsschanze

von Gordon Gernand

Letzten Donnerstag kam der lang angekündigte Stauffenberg-Film „Operation Walküre“ mit Tom Cruise in die deutschen Kinos. War es das Palaver im Vorfeld wert? Über den Film, seine Hauptfigur und den Mythos, der dahintersteckt.

Welche Vorbilder wollen die Deutschen? Welche Helden braucht Hollywood? Und welcher Psychotherapeut passt am besten zu Tom Cruise? Diese Fragen hätte man sich in den letzten zwei Jahren stellen müssen. Nicht, ob „jemand wie Tom Cruise“ (Scientology) „jemanden wie Stauffenberg“ (edler Widerstand) spielen dürfe.

Es gibt in Deutschland, über sechzig Jahre nach Kriegsende, noch immer keinen Konsens darüber, wie man mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg und den Verschwörern des 20. Juli umzugehen habe. Der Tag des missglückten Attentats auf Hitler ist bis heute ein Gedenktag geblieben. Er firmiert unter der Rubrik: „Deutscher Widerstand“. Das will man in Deutschland umso mehr, je länger der Krieg vorbei ist. Um die Kollektivschuldthese zu widerlegen, um sich als Volk der Täter auch mal als Opfer fühlen zu können. Nach unzähligen medialen Gedenkrunden der letzten Jahre (60 Jahre Russlandfeldzug, 60 Jahre D-Day in der Normandie, 60 Jahre Kriegsende) und noch unzähligeren Geschichtsstunden mit Guido Knopp könnte man fast auf die Idee kommen, es habe überhaupt keine Nazis gegeben. O.K. – die NSDAP hatte man gewählt, aber innerlich waren eigentlich alle Mitglied der Weißen Rose. Der rechte erhobene Arm? Ach, ein Modetick damals.

Taugt Stauffenberg wirklich zum Held? Jemand, der zwar nie Mitglied in Hitlers Partei war, jedoch lange (zu lange?) mit den Nazis auf einer Wellenlänge funkte und im Krieg mitmischte?

In PR-Texten zum anlaufenden Film kann man Einleitungen lesen wie: „Der 20. Juli 1944, der Tag, der Deutschland retten sollte…“. Ob im Jahr 1944 noch irgendetwas zu retten gewesen wäre, ist eine Frage der Perspektive. Manche der verheerenden Vernichtungsangriffe auf deutsche Großstädte, die erst seit kurzem umfassend in Historiographien, zum Beispiel Jörg Friedrichs „Der Brand“, oder in den posthum wiederentdeckten Romanen von Gerd Ledig („Vergeltung“) skizziert wurden, wären vielleicht verhindert worden. Den bis dato Millionen von Ermordeten in Lagern und Krieg, den verfolgten Juden und Systemgegnern, die spätestens 1935 wussten, was die Nazis wollten und mit welcher Gefahr sie es zu tun hatten, hätte das, mit Verlaub, einen Dreck genützt.

Was immer die Motive des Militärwiderstands im Einzelnen gewesen sein mögen, mit Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie und Politik haben sie eher wenig zu tun. Zu viel humanistische Gesinnung kann man Stauffenberg wohl nicht unterstellen. Der Sohn einer traditionsreichen, bayrischen Militärfamilie protestierte nur einmal gegen die Judenhetze: als im „Stürmer“ gegen seinen Lieblingsdichter Stephan George agitiert wurde. Wie so viele andere in Stauffenbergs monarchisch geprägtem Milieu, hegte er eine Abscheu gegen den politischen und kulturellen Modernismus der Weimarer Republik. Die Sehnsucht nach den guten, alten Werten, die in den Jahren 1918-1933 unter die Räder gekommen waren, die Sehnsucht nach irrationalen Weltbildern und mystischen Kulturpraktiken, wurde von Hitler und seiner Bewegung auch vollauf bedient. Zwar reicht partieller Widerstand im deutschen Militär gegen des Führers Kriegspläne schon bis ins Jahr 1938 zurück, Stauffenberg selbst sprang erst spät auf diesen Zug auf. Dieser Widerstand innerhalb des Militärs speist sich sowohl aus einem idealistisch-romantischen Kriegsverständnis, nachdem der Feind gefälligst weidmännisch korrekt erlegt gehört, als auch einem pragmatisch orientierten Realismus – ein Krieg, wie ihn die Nationalsozialisten wollten, sei nicht zu gewinnen.

Egal wie man nun zur Person Stauffenberg stehen mag, der Film „Operation Walküre“ von Regisseur Bryan Singer kann zur Klärung solcher Fragen nichts Konstruktives beitragen. Er ist weder schlecht noch schlachtet er sein Thema auf emotionalisierende Effekte hin aus, aber mehr als historisches Panoramakino kommt nicht dabei heraus.

Die Person, die Tom Cruise verkörpert, hat keine Biographie, keine Vorgeschichte. Auch keine ideologische. In der ersten Einstellung hockt er grimmig und stoppelbärtig in der nordafrikanischen Wüste, man schreibt das Jahr 1943. Erwin Rommel macht gegen seine Widersacher Patton und Montgomery keinen Stich mehr. Stalingrad wird zum Waterloo der Wehrmacht. Nach einem Bombenangriff landet Stauffenberg als Krüppel in einem deutschen Hospital. Auch in Berlin grummeln einige Offiziere hinter vorgehaltener Hand über den kriegsstrategischen Amoklauf des Führers, der jeden Kontakt zur Realität verloren zu haben scheint. Stauffenberg schließt sich einer Widerstandsgruppe an, wird gewissermaßen deren Anführer. Ein zu allem entschlossener Mann, der tun muss, was ein Mann verdammt noch mal tun muss. Wenn sein Verbündeter, General Henning von Tresckow (Kenneth Branagh) ihm zuraunt: „Die Welt muss wissen, dass nicht alle Deutschen so waren“, faucht er verbissen zurück: „Das genügt nicht. Die Sache muss Erfolg haben.“

Also schmiedet man Pläne. Versucht innerhalb des Militärapparats Verbündete zu gewinnen. Taktikspiele, geheime Unterredungen, die bedrohlich werden können, stellte sich der Kandidat als linientreuer Systembüttel heraus. Am Ende steht die Mannschaft, die Aktion kommt ins Rollen. Doch der Showdown in der Wolfsschanze, der schlussendlich und leider keiner ist, geht in die Hose. Wegen einer Verlegung der Lagebesprechung, wegen einer Bombe, die nicht wirksam genug detoniert, weil Pläne fast nie so gelingen wie geplant. Der Putschversuch im Bendlerblock, die geschickt ausgeklügelten Finten und Täuschungsmanöver, der Versuch eine neue Militärregierung zu errichten, die mit den Alliierten einen Waffenstillstand aushandeln soll, scheitern am Ende. „Es lebe das heilige Deutschland“ sind Stauffenbergs letzte Worte, bevor ein Erschießungskommando anlegt und abdrückt.

Das weiß man alles, und man muss trotzdem zusehen, wie es misslingt. Doch ist es ‚nur’ um das schäbige Endspiel, die letzten neun Monate, wirklich schade? Oder fragt man sich nicht irgendwie, warum nicht viel früher, vor 1939, ein furchtloser Attentäter zur Stelle gewesen wäre, wenn man wirklich mal einen gebraucht hätte?

Singer macht in seinem Film nichts wirklich falsch. „Operation Walküre“ enthält sich weitgehend allem Pathos, sieht man von den Schlussszenen ab. Er emotionalisiert nur wenig, aber auch Analyse und Reflexion kann man mit der Lupe suchen. Der Regisseur entschied sich für eine nüchterne, naturalistische Dokumentation der reinen Handlung, bei der die Technik der Operation im Vordergrund steht und Psychologie nichts verloren hat. Der ganze Film ist eine geölte Maschine. Szenen greifen ineinander wie ein Zahnrad ins nächste. Die Drehbuchschreiber Christopher McQuarrie und Nathan Alexander haben ihre Figuren auf ein teleologisches Mindestmaß zurechtgestutzt. So wie in alten deutschen Heldensagen die Figuren ihrer Vorsehung folgen, halten sich die Akteure in „Operation Walküre“ nicht mit inneren Spannungen und Gewissensfragen auf, sondern folgen ihrer Bestimmung. Ein kurzes Gebet in einer halb zerbombten Kirche muss reichen.

Tom Cruise spielt Stauffenberg zurückhaltend und unterkühlt. Das ist gut. Denn es ist fast unmöglich geworden, einen Film mit Tom Cruise anzusehen, und dabei nicht gleichzeitig auf die dauergrinsende Scientology-Knalltüte zu blicken, zu der er mutiert ist. Der Mann war nie ein Ausnahmekönner, aber bestimmte Rollen, wie die des jungen Militäranwalts in „Eine Frage der Ehre“, spielte er mit Verve und Witz. So was nahm man ihm ab.

Doch je peinlicher das Bild wurde, dass der smarte Charmeur in der Klatschpresse abgab, je öfter er seine Ehefrau und Schauspielerkollegin Katie Holmes wie ein Vöglein im goldenen Käfig über die roten Teppiche durch Blitzlichtgewitter schleifte, desto mehr rückte seine Funktion als Werbeträger für die Scientology-Sekte in den Vordergrund, zu der er sich seit einigen Jahren offen bekannte. Mitglied ist er schon seit 1986.

Spätestens, als der Burda-Verlag ihm 2007 einen Courage-Bambi hinterher warf (für eine Hauptrolle, die Cruise fünfzig Millionen Dollar Gage bescherte) und seine Dankesrede mit den letzten Worten Stauffenbergs abschloss (zur Erinnerung: „Es lebe das heilige Deutschland!“), wollte man den Irrendoktor rufen.

Ach ja, Deutschland hat mitproduziert. Das heißt, man sieht bekannte deutsche Gesichter wie Matthias Schweighöfer, Thomas Kretschmann oder Wotan Wilke Möhring in Nebenrollen. Sie dürfen ein paar Sätze sagen. Kretschmann als Major Otto Ernst Remer darf immerhin mit dem Führer sprechen, aber nur am Telefon. Die Frage, ob das nun intelligentes Marketing oder aufdringliches Product Placement ist, darf jeder für sich selbst beantworten.

Wenn zum Abspann das Saallicht angeht, rauscht einem die finale Frage durch den Kopf: War es das wirklich wert? Die Querelen in der Produktionsphase. Die immer wieder verschobenen Kinostarts. Die Debatten um die Rollenbesetzung. Am Ende bleibt ein Paradoxon „Operation Walküre“ ist, alles in allem, unspektakulär, vermeidet dadurch alle Fettnäpfchen, und ist doch zu nichts zu gebrauchen, weil es Stauffenberg als den „Held“ porträtiert, der er erst – wenn überhaupt – in den letzten Augenblicken seines Lebens wurde. Man muss sich auch fragen, ob hier der Schauwert schneidiger Uniformen nicht doch ins knallharte Kalkül gezogen wurde. In den USA soll der Film vor allem darüber aufklären, dass es überhaupt so etwas wie einen deutschen Widerstand gab. Dazu wären Geschichten aus der Zivilgesellschaft, zum Beispiel die der Geschwister Hans und Sophie Scholl, eigentlich besser geeignet gewesen. Aber uneigentlich wäre Tom Cruise für so eine Rolle wirklich zu alt.

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OPERATION WALKÜRE (O: VALKYRIE)
USA, Deutschland 2008; 120 Min.

Regie: Bryan Singer
Darsteller: Tom Cruise, Kenneth Branagh, Tom Wilkinson, Terence Stamp, Carice van Houten, Christian Berkel u.a.


Bild: Twentieth Century Fox