STREITBAR

The Sound of Silence

von Gordon Gernand

“Frost/Nixon”, ein Film aus dem großen Hollywood, der nicht nach Hollywood aussieht. Vorletzten Donnerstag kam das Politdrama über die legendären Nixon-Interviews in die deutsche Kinos. Wer noch nicht drin war, sollte sich sputen. StreiBar-Autor Gordon Gernand ist jedenfalls mehr als angetan.

„Even Richard Nixon has got soul.“
(Neil Young, “Campaigner”, 1978)

In der linken Ecke: David Frost, Starmoderator und Blitzlichtluder aus Großbritannien. Ein gewiefter Fernsehprofi, politisch eher ein Leichtgewicht. In der rechten Ecke: Richard Nixon, nach der Watergate-Affäre bestgehasster US-Präsident für lange Zeit (bis ein gewisser George W. aufkreuzte). Alt und angeschlagen, aber mit der Erfahrung und Abgebrühtheit eines Vollblutpolitikers, der seit dem berühmten Fernsehduell von 1960 mit John F. Kennedy viel dazugelernt hatte. Und angeschlagene Boxer sind bekanntlich besonders gefährlich.

Es heißt nicht umsonst ‚Rededuell’. Auch wenn es sich als ‚Interview’ tarnt. Denn die Welt will ein Geständnis. Und der Mann, der es ihm entreißen will, hängt fast in den Seilen. Wenn der Fernsehregisseur anzählt, fünf-vier-drei-zwei-eins, ist das wie der Gongschlag zum Boxkampf. Das Licht der Scheinwerfer verengt sich auf zwei Sessel und einen alten Kamin, Kameras starren auf zwei frisierte und geschminkte Kämpfer im Maßanzug, hinter den Monitoren sitzen die Teams, schwitzende, Fingernagel kauende Berater und PR-Schranzen und feuern ihre Schützlinge an.

Frost/Nixon erzählt die Geschichte des beachtenswertesten Fernsehinterviews der Politikgeschichte aus dem Jahr 1977. Vom windigen TV-Star David Frost (Michael Sheen), der Nixons berühmte Siegerpose im Fernsehen erspäht und beim Gedanken an die Einschaltquoten Dollarzeichen in den Augen bekommt. Er wird alles auf eine Karte setzen, seine berufliche und finanzielle Existenz, nur um dieses Interview zu bekommen. Richard Nixon (Frank Langella) grummelt nach seiner Amtsenthebung missmutig in seiner kalifornischen Residenz vor sich hin und sinnt über sein politisches Erbe und schwindende Einnahmequellen nach. Etliche Gegner wollen ihm per Gericht an den Kragen, seine Zulassung hat der gelernte Jurist verloren. Beseelt vom Wunsch, Watergate vergessen zu machen, schreibt er seine Memoiren und wagte sich seit drei Jahren für ein Interview wieder vor eine Kamera. Man glaubt, mit dem Süßwassermatrosen Frost leichtes Spiel zu haben. Und zuerst sieht alles danach aus.


Wortgewaltiges Dialogkino

Regisseur Ron Howard bekam viel Prügel für Filme wie The Da Vinci Code – Sakrileg und gilt als Hochglanzfilmer ohne Seele. Doch Frost/Nixon ist großes Mainstream-Kino, ohne wie Mainstream auszusehen. Der Beweis dafür, dass Unterhaltung und das Prädikat „besonders wertvoll“ kein Widerspruch sein muss. Der Film steht fast ein bisschen in der Tradition der großen Politthriller der Siebziger, wie Alan J. Pakulas Klassiker All the President's Men (dt. Die Unbestechlichen), die ihre Spannung aus der Geschichte beziehen und nur geringer dramaturgischer Modifikation bedürfen.

Man kann sogar verzeihen, dass Zeitgeschichte und Politik nur als Dekoration herhalten. Howard hat die Historie auf ein Psychoduell eingedampft. Er hatte die große Masse der Kinogänger im Sinn, und trotzdem besticht sein Film durch kammerspielartige, fiebrige Intensität, die durch eine manchmal schrecklich wacklige Kamera noch verstärkt wird. Eine Wortgewalt, die auf das Konto von Drehbuchschreiber Peter Morgan geht, der auch das gleichnamige Theaterstück schrieb, auf dem der Film basiert.

Howard inszeniert diese große Konfrontation als David-gegen-Goliath-Erzählung. Sein Film verfolgt zwei Getriebene, Ehrgeizlinge durch und durch. Die Interviews dauern viele Stunden auf mehrere Tage verteilt, und meistens wischt Nixon mit Frost den Boden. Seinem engagiertem Rechercheteam stehen die Haare zu Berge. Nichts scheint diesen jeder Frage ausweichenden, ins Unendliche salbadernden Anekdotenonkel aus der Ruhe zu bringen. Frost war kein versierter Politjournalist, aber er galt immerhin als professioneller Interviewer, hatte neben Prominenten schon Premierminister auf dem Stuhl und in seiner Sendung The Frost Programme den Versicherungsbetrüger Emil Savundra entlarvt. Doch dieser Nixon ist eine andere Gewichtsklasse, bei der Routine und Intuition nicht weiterhelfen. Je aussichtloser die Situation wird, desto mehr Absagen hagelt es von Fernsehanstalten, die das Interview nicht kaufen wollen. Sein Manager (Matthew Macfadyen) lässt immer mehr die Schultern hängen. Seine Berater (Sam Rockwell und Oliver Platt), für die es nicht um Kohle und Ruhm sondern Ideale und Wahrheit geht, halten ihn sowieso für eine Pfeife.

Nixon hingegen wird flankiert von einer Schar PR-Profis und seinem obersten Berater Jack Brennan (Kevin Bacon), der ihm permanent um die Beine streicht („Ja, Mr. President! Hervorragend, Mr. President! Keine Frage, Mr. President!“). Er ist sein Bodyguard, der es nicht zulassen kann, dass Nixons Name von „scheiß Liberalen“ in den Schmutz gezogen wird.

Immer wieder zwingt der leicht brummige, aber virile Expräsident seinen Rivalen mit kleinen fiesen Tricks und Stichelein in die Defensive. Insofern liefert Howards Film auch ein treffliches Beispiel dafür, wie politische Kampfkommunikation vor der Kamera und hinter den Kulissen funktioniert. Doch írgendwann kommt der Punkt, an dem Frost einmal zu oft in seiner Ehre gekränkt wird. Er wird sich auf den letzten Interviewtag vorbereiten, wie er sich noch nie auf etwas vorbereitet hat. Er will gewinnen.


Dröhnende Stille

Am Ende bekommt er doch die legendäre Großaufnahme, den Moment, in dem Nixon immerhin ein moralisches Geständnis abliefert: das amerikanische Volk betrogen zu haben. Die Stimme bebt: „Wenn der Präsident es tut, ist es nicht illegal!“ Dann stockt er, verstummt, scheint den Tränen nahe. Zwischen seinen Worten gespenstisches Schweigen. Der Klang der Stille ist ein Dröhnen, die Verlegenheit des Ertappten, der sich selbst erkennt im grellen Scheinwerferlicht. Die Kamera fährt auf Frosts Gesicht und fängt zum ersten Mal den entrüsteten Moralisten ein. Und auch zum letzten Mal.

Es ist der natürliche Höhepunkt des Films unter vielen starken Szenen, aber nicht der einzige. Ein anderer ist ein inoffizielles Telefonat zwischen den beiden Kontrahenten, an das sich Nixon später nicht erinnern kann. Er hat getrunken, er darf dass, er ist ja nicht mehr im Hause seiner Eltern, die streng abstinent lebten. Ein feuriger Monolog, einer der besten, den es in den letzten Jahren auf einer Leinwand zusehen gab.

Der letzte Szene, die großartig ist und fast ohne Worte auskommt, beweist noch einmal Howards cineastisches Können, aber auch die ideologische Ambivalenz, die seinen wohl stärksten Film durchzieht. Beide treffen sich ein letztes Mal, Sonnenuntergang am Meer. Da steht Frost, der am Ende doch die schmierige Medien-Grinsekatze geblieben ist. Sheens Mimik erinnert fatal an Jack Nicholsons Darstellung des Jokers in Batman (1989). Und da steht Nixon, ein nachdenklicher, trauriger Mann, der arrogant und leidenschaftlich, intrigant und heißblütig genug war, um sich über die ethischen Maßstäbe hinwegzusetzen, die das Amt des mächtigsten Mannes der Welt verlangt. Darf man ihm verzeihen? Kann man ihn verstehen? Soll man Mitleid mit ihm haben?

Neil Young hatte Mitleid, ein bisschen. Ein Jahr später erschien sein Song Campaigner. „Auch Richard Nixon hat Gefühle.“

Ob das genügt?

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FROST / NIXON
USA, 2008; 122 Min.

Regie: Ron Howard

Darsteller: Frank Langella, Michael Sheen, Kevin Bacon, Sam Rockwell, Oliver Platt, Matthew Macfadyen, Rebecca Hall, Toby Jones, u.a.

Foto: Universal Pictures