Dieses Zitat ist ein offenkundiges Beispiel für einen 'radikalen Laizismus', der Religionsunterricht völlig ablehnt und welcher vielen Deutschen fremd erscheint. Selbst die Initiative „Pro Ethik“, die in Berlin für den Erhalt eines Pflichtfaches „Ethik“ kämpft, ist viel moderater und setzt sich für die Beibehaltung von konfessionellem Religion als freiwilliges Wahlfach ein. Das obige Zitat stammt dann auch nicht von einem besonders dreisten Berliner Atheisten, sondern von einem Mann, dessen Namen den Deutschen noch vor einem guten Jahr so fremd erschien wie die hier von ihm vertretene Meinung: Er heißt Barack Hussein Obama. Hätte er diese Wahlkampf-Rede nicht auf Englisch im Kampf ums Weiße Haus, sondern in Berlin auf Deutsch bei einer Kundgebung gegen „Pro Reli“ gehalten – schon längst hätte wohl Joachim Kardinal Meisner eine Parallele zur „unsäglichen Sprache des Nationalsozialismus“ ausgemacht, und die gesamte CSU würde wahrscheinlich wütend den Rücktritt fordern angesichts einer „unsäglichen Beleidigung aller Christen in Deutschland.“
Berlin ist aber nicht die USA (und „Wowi“ kein Obama) – leider. Während in den USA die Vorstellung, Kinder würden in einem Schulfach im Geiste ihres Glaubens erzogen und an staatlichen Schulen ihre Religion erleben, ein absurder Gedanke ist, auf den nicht einmal viele Konservative im Bible Belt kommen würden, ist konfessioneller Religionsunterricht in Deutschland Realität und sogar grundgesetzlich geschützt – außer in Berlin und Bremen. Wie ist dieser bemerkenswerte Unterschied zu erklären? Man könnte nun „unterschiedliche gewachsene Traditionen“ und kulturbedingte „gewachsene Vorstellungen“ ins Feld führen, und das wäre auch nicht verkehrt. Dennoch lässt sich die Differenz im Grunde auf einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Ländern zurückführen: Amerika ist ein unendlich pluralistisches Land, gerade im Bereich der Religion – Deutschland war eben dies lange Zeit nicht, so dass zwei Großkirchen beträchtliche Macht – auch politische – ausüben konnten. In jeder beliebigen 20-köpfigen Grundschulklasse einer amerikanischen Kleinstadt finden sich hingegen Schüler, deren Eltern mindestens fünf verschiedenen christlichen Kirchen oder anderen Religionsgemeinschaften angehören. Käme es also auch in Amerika zur Einführung von konfessionellem Religionsunterricht für jede Gemeinschaft, müsste die Schule für Zweiergruppen oder gar für zahllose Einzelschüler jeweils eine eigene Religionslehrkraft bereitstellen. Oder es käme zur Einführung einer ähnlichen Regel wie in Deutschland, wonach Religionsunterricht für eine Konfession an einer Schule erst angeboten wird, wenn sie eine Gruppe von mindestens sieben Kindern stellen kann. Wären in der Grundschulklasse zufällig sieben Katholiken, könnten sie Religionsunterricht erhalten – die restlichen 13 Schüler müssten in der Freistunde in die Schulbücherei. Für Amerikaner würde dieses Modell zurecht eine unbegreifliche Ungerechtigkeit darstellen.
Auch wenn Berlin nicht die USA ist, können wir an unserer Hauptstadt aber sehen, dass die „amerikanischen Verhältnisse“ langfristig auch bei uns Einzug erhalten werden - „und das ist auch gut so“. Was das Ende kulturell-religiöser Homogenität aber wirklich bedeutet, haben die meisten Verantwortlichen in den Großkirchen, aber auch in Politik und Wissenschaft zwischen Flensburg und Garmisch allerdings noch nicht begriffen. Wenn es eine echte Gleichberechtigung auch in der Bundesrepublik geben soll, bleibt nichts anderes übrig, als an staatlichen Bildungseinrichtungen konfessionellen Religionsunterricht vollständig abzuschaffen und alle theologischen Fakultäten in Institute für Religionswissenschaften umzuwandeln. Damit würde man es den USA, Großbritannien und Frankreich gleichtun, die diesen Prozess schon lange hinter sich haben. Stattdessen dominiert in Deutschland aber noch das Denken in Kategorien, die der Soziologe Ulrich Beck der alten „Ersten Moderne“ zuordnet: Anstatt die Religionsfreiheit tatsächlich dem Individuum zu überlassen, muss sich jeder zwischen bereits gesellschaftlich etablierten „Konfessionen“ entscheiden, die möglichst noch staatliche Anerkennung genießen sollten. Eben dies hat „Pro Ethik“ deutlich auf den Punkt gebracht, wenn sie „Pro Reli“ zurecht vorwerfen, Schülern einen „Wahlzwang“ aufzubürden.
Die Idee, dass deutsche Religionssystem durch Ausweitung seiner Strukturen und Institutionen auf Muslime (oder auch Juden) zu retten, ist zum Scheitern verurteilt, ob es nun um islamischen Religionsunterricht, islamische Theologie oder die staatliche Imam-Ausbildung geht: Die Muslime in Deutschland zergliedern sich in zahllose unterschiedliche Gruppen, in Schiiten und Sunniten, und die Forderung, sie sollten sich in einer kirchenartigen Dachorganisation vereinigen, ist kein Gebot der Integration, sondern eine anti-indvidualistische und anti-pluralistische Frechheit. Gleichberechtigung ist so nicht zu erwarten: Ein schiitscher Schüler auf einem Gymnasium in Cloppenburg würde wohl naheghelegt, den sunnitischen Religionsunterricht seiner vielen „Glaubensbrüder“ auf der benachbarten Hauptschule zu besuchen – einem Juden, dessen Familie sich in die Provinz vorwagt, müsste man gleich den Wechsel nach Berlin empfehlen, wenn er den eigenen konfessionellen Religionsunterricht genießen will, der doch oft als unverzichtbar für die Persönlichkeitsbildung bezeichnet wird. Konfessioneller Religionsunterricht hilft niemanden außer der schnell schrumpfenden Mehrheit von Katholiken und Lutheranern in Deutschland (sofern diese an Religion überhaupt noch interessiert sind).
Neben dem Appell an die Gerechtigkeit gibt es aber noch ein Argument, dass den vermeintlich vor staatlicher Bevormundung zurückschreckenden Pro Reli-Anhängern zu denken geben müsste. Auch wenn Kirchenvertreter immer wieder das Böckenförde-Diktum zitieren, wonach der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann (gemeint sind natürlich die Religionen), sind sie selbst diejenigen, die am meisten am Staatsglauben hängen: Ohne staatlich verordneten Religionsunterricht interessiert sich keiner von alleine für die alten Bibel-Geschichten, lautet die unbewusste Befürchtung, die sich Kirchenleute nicht eingestehen. Staatlicher Wahrheitsanspruch kann nicht alles sein, meinen konservative Politiker, erst Religion bietet vielen Werte und Orientierung; und doch glaubt man gleichzeitig – sobald es um den Islam geht – dass nur der Staat mit einer besonderen Imam-Ausbildung dafür Sorge tragen kann, dass nicht in jeder dunklen Ecke Hassprediger ihre Anhänger scharen. Irgendetwas passt hier nicht zusammen. Wer wirklich an Religion und Spiritualität als Kompass für die Gesellschaft glaubt, dürfte von einem vollständigen Rückzug des Staates, der die Religionsfreiheit selbstverständlich vollständig garantiert, gar keine Angst haben. So kann man es zumindest bei spirituell veranlagten und gleichzeitig freidenkerisch veranlagten Amerikanern wie Obama erleben, der ja gar kein „böser“ Atheist ist.
Die Einführung eines für alle verbindlichen Faches, in dem neutral über Ethik und Religion diskutiert wird, ist nur ein erster Schritt, aber ein wichtiger. Morgen gilt es, diesen Schritt in Berlin zu verteidigen – damit bald andere Bundesländer dem Beispiel der Hauptstadt folgen können. Das langfristige Ziel muss aber lauten, dass Grundgesetz zu ändern und die ungerechte Institution des konfessionellen Religionsunterrichts „abzuwählen“ - nicht zuletzt auch, um spirituellen Menschen religiöse Erfahrungen in einem tatsächlich staatsfreien Raum zu ermöglichen.





