STREITBAR

Der Mann, der nie da war

von Gordon Gernand

Die Abschiedszeremonie für den King Of Pop, Michael Jackson, ist vorbei. Nun geht es ans Eingemachte, den Verkauf seines Back-Katalogs. Ein Kommentar von Nicht-Fan Gordon Gernand, der sich eigentlich fest vorgenommen hatte zu schweigen.

„Everybody loves you when you are dead“ (The Stranglers)


Man darf die Nachrufe nicht lesen. Man darf die Abschiedszeremonie im Staples Center in Los Angeles nicht ansehen. Nicht, wenn man ein genaues Bild von dem haben will, was die Welt in den letzten zehn Jahren von Michael Jackson hielt.

Natürlich gab es nach seinem Tod rührende Nachrufe, durchaus ehrlich gemeint. Der vielleicht beste und ehrlichste stammt vom Autor und Punkrockmusiker Joey Goebel und wurde in der ZEIT abgedruckt.

Natürlich war die Abschiedszeremonie schmalzig und schleimig, erwartete jemand etwas anderes? Lauter gute Freunde, die Michael, anscheinend, liebten. Man fragt sich, wo sie in den letzten Jahren waren, ob nicht wenigstens einer von ihnen ein bisschen besser auf Michael hätte aufpassen können. Was war aufgesetzter? Die empathische Rede von Motown-Gründer Berry Gordy, der das Bild einer großen, glücklichen Musikerfamilie bemühte? Die gefühligen Videokollagen? Der Gospel von Lionel Ritchie – Gott ist Liebe, oder Liebe ist Gott, oder Gottes Liebe ist Liebe in uns allen? Man weiß ja: über Tote nichts als Gutes.

Es ist brutale Ironie. Genau in der Zeitspanne zwischen Michael Jacksons Tod und seiner Abschiedszeremonie zeigte Pro7 den Film Date Movie, eine der Art von wüsten Parodien, die sich um keine Peinlichkeit zu fies sind. In einer Straßenszene sieht man eine Gestalt, man kann sie nur erahnen. Sie hat lange, strähnige Haare, trägt einen Hut, schlanke Gestalt, unmännliche hohe Stimme und spricht gerade ein kleines Kind auf der Straße an. Man weiß, wer gemeint ist.

Es mag hartherzig klingen, aber Michael Jackson war schon tot, lange bevor sein Körper auf dem Obduktionstisch landete. Sein Stern sank Mitte oder Ende der Neunziger, ganz exakt lässt sich das nicht mehr ausmachen. Aber irgendwann war er nicht mehr der schrille aber schillernde Megastar, auf dessen Megaseller Thriller von 1982 sich fast alle einigen können. Mit den genialen Megahits „Billie Jean“ und „Beat It“, mit dem Solo von Eddie Van Halen. Irgendwann war er nicht mehr der Star, an dem alles ‚Mega’ war.

Vielleicht begann sein Abstieg 1995, im Jahr der Veröffentlichung seines Greatest Hits-Albums HiStory. (Die erste Anklage wegen sexueller Belästigung Minderjähriger hatte er da schon hinter sich.) Wer die Fernsehwerbung dazu noch kennt, weiß, dass nicht nur der Titel eine irrige Anmaßung war. In diesem Spot sieht man Menschenmassen, die sich um eine verhüllte, monumentale Statue versammeln. Hysterie, gebanntes Starren. Scheinwerfer und Hubschrauber. Dann fallen die Planen ab und geben den Blick frei auf eine Michael Jackson-Statue, größer als King Kong und Gozilla zusammen. Jeder, der nur ein bisschen Distanz zum Geschehen hatte erschrak und dachte: So, genau so, muss Größenwahn aussehen. Hatte Leni Riefenstahl Regie geführt?

Danach überlagerte der absurde Mummenschanz, den Michaels Starruhm mit sich brachte, alles andere. Es gab fast keine Hits mehr, nur noch Skandale und Klatschpressegeschichten. Dann war er nur noch der bleiche, androgyne Tanzfreak. Nach dem spektakulären Prozess wegen Kindesmissbrauchs 2005 taugte er in der westlichen Medienkultur nur noch zur Parodie – ein piepsendes, pädophiles Kellergespenst.

Fast niemand sah noch den Menschen hinter dem Image, man musste sich fast fragen, ob es ihn jemals gegeben hatte. Man muss nur seine Platten ansehen um zu erahnen, dass dieser Mensch schon viel früher verschwand. Auf Thriller (1982) war er noch schwarz und räkelte sich lasziv vor dem Fotoapparat; auf Bad (1987) war er schon sehr bleich und seine schwarze Kluft hatte etwas von einem Kampfanzug; auf Dangerous (1991) waren nur noch seine Augen zu sehen, dann sie Statue. Und auf dem mäßig erfolgreichen Comeback-Album Invincible (2001): ein richtiges Gesicht? Oder eine Werbebroschüre der plastischen Chirurgie?

Man fühlt sich an einen Film von Ethan und Joel Coen erinnert, The Man Who Wasn´t There. Den Menschen Michael Jackson haben nur die Wenigsten auf der Welt je zu Gesicht bekommen.

Man sah immer nur das Image, das so widersprüchlich war. Michael war schwarz und wollte immer weißer werden. Er wollte „bad“ sein, ballte in Videos und auf der Bühne die Fäuste und verzog das Gesicht zu einer Machomaske, dabei wirkte er gerade dann verletzlich und schutzlos. Er wollte eine bessere Welt, lies im Video zu Beat It verfeindete Gangs miteinander tanzen, schrieb We Are the World, obwohl diese Art von Gesellschaftsentwurf im Jahrzehnt von Reagan und Thatcher mausetoter war als jemals davor oder danach. Selbst sein Moonwalk imitiert eine Vorwärtsbewegung, obwohl es dabei rückwärts geht.

Mit Michael Jackson sterben für viele auch ein bisschen die Achtziger, also die glückliche Kindheit, obwohl all das doch nur in den Herzen weiter leben kann. Selbst ich bin bereit, wenigstens die Thriller-Hits gegen den quäckenden, quitschigen Plastik-Porno-Pop zu verteidigen, den die heutige Jugend auf ihren iPods spazieren trägt.

Vielleicht bleiben ja in weiteren zehn Jahren nicht die grotesken Gruselgeschichten aus dem Boulevard übrig, die schrulligen Anekdoten von befreundeten Affen, Sauerstoffzelten und der Neverland-Ranch, auf der man Horrorfilme drehen könnte. Vielleicht bleibt dann nur noch so etwas übrig wie:

„Just beat it, beat it, beat it, beat it / No one wants to be defeated / Showin´ how funky and strong is your fight / It doesn´t matter who´s wrong or right / Just beat it!”


Solo!

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Foto: Deutsches Bundesarchiv / Wikipedia