| Ferien hat Hubert Aiwanger, der Landesvorsitzende der Freien Wähler Bayern, auf seinem Bauernhof schon lange nicht mehr gemacht. Während die Mutter zuhause mit der speckig dunkelgrünen Schürze im Stall steht und den Kühen das Futter mit der Mistgabel vorschaufelt, versucht „der Bua“ einige Kilometer entfernt vergeblich einen Mitgliedsantrag für die Freien Wähler aufzutreiben – im Endspurt zur Landtagswahl zählt für ihn jede Stimme.
Dabei hatte der Regen Hubert Aiwanger eher zufällig vom Innenhof hinter dem „Gini Martini“, einer nach Spielhölle anmutenden Kneipe, in das Zelt vor der Scheune gespült. Direkt neben Christine Linke auf die Bierbank. Festzeltatmosphäre in der niederbayerischen Provinz beim Sommerfest der Freien Wähler Ergoldsbach. Vor dem Zelt brutzeln Würstchen. Die Runde, vielleicht 80 oder 90 Gäste feiert einen Mann im viel zu großen Sakko für einen viel zu großen Körper: Der neueste Bürgermeister, den die Freien Wähler haben. Sie überschwemmen die Rathäuser und Stadträte auf dem bayerischen Land. Jeder vierte Bürgermeister in Bayern kommt aus einer Wählergemeinschaft. Aiwanger und Linke stoßen an, während der Unterhaltung watscht er ihr immer wieder derbe auf den Rücken und den Unterarm, wie man es bei alten Bekannten macht. Sie erzählt vom letzten Italienurlaub, er schimpft daraufhin über die hohen Spritpreise und fordert regenerative Energien. Irgendwann sagt Linke, dass es heute abend eine tolle Atmosphäre sei. „Da trittst’ uns bei“, antwortet Aiwanger und die sonst flinken Rattenaugen fixieren die resolute Verkäuferin. Sie lacht bierselig wie über einen guten Witz. „Komm, des mach ma heut.“ Linke ahnt nicht, dass Aiwanger es ernst meint. Er will derjenige sein, der die Freien Wähler erstmals ins Münchner Maximilianeum führt.
Aiwanger springt auf, die Mundwinkel entblößen die spitzen Schneidezähne, einstudiertes Lächeln für Plakate und Kugelschreiber. Christine Linke hält das ganze immer noch für einen Scherz als Aiwanger durch die Festgäste wirbelt und auf den Mann mit dem Ballonsakko zusteuert. Aber selbst sein neuester Bürgermeister kann Aiwanger nicht mit einem Mitgliedsantrag aushelfen. Aiwanger wirbelt weiter. Erst als es nicht mehr so unruhig im Zelt ist merkt Linke, dass er verschwunden ist. Sie schaut fragend ihren Mann an: „Wer war denn das?“ Der zuckt mit den Schultern: „Sah aus wie ein Versicherungsvertreter.“
„Das ist doch der, der mit der Pauli macht“
Dabei sieht es knapp drei Wochen vor der Wahl gut aus für die Freien Wähler. Die aktuellen Umfragen schätzen ihren Erfolg zwischen sieben und neun Prozent ein. Und Linke bekommt ihre Antwort von einem Mann auf der Bierbank hinter ihr, dem man nachsagt, dass er der reichste Mann im Orte sei, weil er die meisten Schweine besitzt. „Das ist doch der, der mit der Pauli macht.“ Dabei hatte Aiwanger gehofft, dass die Diskussion um die Aufnahme von Gabriele Pauli endlich vorbei sei. Aber sie verfolgt ihn überall hin. Von der Pressekonferenz bis in sein Revier, die Basis vor Ort. Und eigentlich auch bis zu ihm nach Hause auf den heimischen Hof.
Straßennamen gibt es keine in Rahstorf. Der Ort liegt mit seinen 70 Einwohnern an einer T-Kreuzung, 23 Kilometer nördlich von Landshut. Die Straße scheint hinter dem Ort einfach zwischen den Weizenfeldern zu versickern. Ungern empfange er hier Besuch, sagt Aiwanger. „Ich möchte dieses Bauernklischee nicht bedienen.“ Aiwanger hat die Krawatte mit der Schlinge an die Tür des großen Bauernschranks gehangen und sich an den Ecktisch gesetzt. Die Mutter stellt ihm einen Teller Kohlrabi mit Kartoffeln und Fleisch vor. „Aus dem eigenen Garten“, wie sie sagt. Durch den Wintergarten kann man über die hochbepflanzten Blumenbeete und den gepflasterten Hof schauen. Kein Traktor, kein Misthaufen, keine herumlaufenden Hühner. Sterile Ländlichkeit eines Vorsitzenden, dessen Partei bei den Kommunalwahlen im Frühjahr 19,5 Prozent bekam. Im Hintergrund die Ställe mit den 20 Milchkühen. Anbindehaltung mit Spaltböden. Die Futtermenge errechnet der studierte Agraringenieur Aiwanger nach dem Ergebnis der monatlichen Milchleistungsprüfung. Der beißende Geruch der Tiere bleibt hinter den großen Flügeltüren abgeschnitten. Aiwanger kaut bedächtig, spült das Essen mit Apfelschorle aus dem tönernen Bierkrug hinunter und nutzt die Zeit, bevor er etwas sagt. Hinter ihm auf der Anrichte liegen Kugelschreiber mit seinem Namen und Konterfeit. Daneben stapeln sich Zeitungen. Aiwanger überlegt, wieso jemand in Bayern die Freien Wähler wählen sollte. „Die FDP und die Grünen sind ja nicht vorhanden in Bayern“, sagt er. Bei der letzten Wahl bekam die FDP nur 2,6 Prozent, die Grünen 7,7. „Und die SPD ist nur ein Anstrich der Demokratie.“ Abblätternde Farbe der anderen Parteien, deren grüne, gelbe, rote und vor allem blaue Tupfer das Muster im Parteiprogramm der Freien Wähler ausmachen. So „appellieren die FW an alle Unternehmen, sich so zu verhalten, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam auskömmliche Arbeitsplätze und damit Wertschöpfung und Wohlstand in der Region erhalten können“, wie es im Wahlprogramm heißt. Der Pragmatismus einer Partei, die keine sein will. „Lieber unkonkret wie überhaupt nix“, sagt Aiwanger. Er weiß, dass der Erfolg der Freien Wähler hauptsächlich von den regional verankerten Kandidaten abhängt, die meist ehrenamtlich politisch aktiv sind. Dazu kommen medienrelevante Namen wie Schlagersängerin Claudia Jung, Florian Streibl, der Sohn des ehemaligen Bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl – und Gabriele Pauli. Neben Aiwanger auf der Bank liegen noch die Zeitungen mit den Berichten zur Pressekonferenz mit der ehemals „schönen Landrätin“ vom Vortag. Er moniert, dass es zu wenig um Sachpolitik ging. „Die Pauli soll als Kandidatin ihre Rolle spielen.“ Die Sachpolitik der Freien Wähler? Sozial, traditionsbewusst aber liberal. „Wir sind auch ökologisch“, sagt Aiwanger. Außerhalb von Rahstorf nehmen ihn einige nicht ernst. Vielleicht will er auch deshalb niemanden auf seinem Hof empfangen, weil es der letzte Rückzugsort ist, der Aiwanger noch geblieben ist.
Kommunale Verankerung soll Einzug in den Landtag bringen
Er wisse selbst, sagt Aiwanger, dass es einfach sei finanzielle Versprechungen für den Erhalt der Schulen auf dem Land zu geben, wenn man die Verantwortung selbst nicht zu tragen habe. „Irgendwann bist du auch desillusioniert.“ Trotzdem habe er Hoffnungen auf den Einzug in den Landtag, erzählt er, während er mit dem Löffel die letzten Reste des hausgemachten Kohlrabi aus dem tiefen Teller kratzt. Sechs bis acht Prozent erwartet Aiwanger. „Dieses ganze, die CSU ist Bayern und Bayern ist die CSU, das zieht nicht mehr.“ Das weiß auch die CSU, die in den Umfragen um die magische 50-Prozent-Marke taumelt und wohl einige Wähler an die im Grunde konservativen Freien verliert.
Aber Aiwanger ist vorsichtiger geworden, jetzt wo sie auch in München wissen wollen, wer denn dieser Landesvorsitzende ist, der da drei Flaschen Wasser während einer Pressekonferenz trinkt. Dennoch gilt er in seiner Partei als großer Redner, auch wenn er beim Betreten des Podiums noch gar nicht wisse, was er eigentlich sagen wolle. Früher hat er einmal rausgehauen, dass Schröder der dümmste Kanzler sei, den Deutschland je gehabt hätte. Das würde er heute nicht mehr sagen, sagt Aiwanger. Nicht nur wegen des breiten bayerisch ist es manchmal schwer Hubert Aiwanger und die Freien Wähler zu verstehen.
Auf der Klingel steht: „K. Mustermann“
Vielleicht ist ihr Parteibüro das beste Bild, um sie zu beschreiben. Es liegt allein in einem riesigen Bürokomplex mit vier Stockwerken und acht Einheiten pro Etage und ist noch nicht ganz in München angekommen. Ein gläsernes Atrium in der Nähe des Flughafens. Die Räume werden noch umgebaut, perfekte Symmetrie, weil unbenutzt. Nur das Büro der Freien Wähler direkt neben dem Eingang stört das Bild. Es riecht nach frischer Farbe, vor der Tür steht ein weißes Ledersofa. Dahinter ist der Bauschutt geschoben. Neben der Tür ein Schild: „K. Mustermann.“ Manchmal öffnet sich die Tür einen Spalt, dann schlüpfen aus der Vorstandssitzung Worte heraus wie „Darlehen“ und „Kampagne“. Mehr versteht man nicht. Nur die „Regionen“ kommen öfter hinterher. Regionen, in die sich Hubert Aiwanger sehnt, die er aber für seinen neuen Job im Landtag gerne verlassen würde. Die Kühe und Hühner. Um die kümmern sich ohnehin die Eltern.
Im Hinterraum der Parteizentrale warten die neuen Wahlplakate auf ihren finalen Einsatz. Sie zeigen Aiwangers Profil, die bayerische Trachtenjacke auf den Schultern angedeutet. Darüber die aufgehende Sonne des Freie Wähler-Logos und eine kleine Schrift, nur lesbar, wenn man ganz genau hinschaut: Zu 100% recyclingfähig.
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