„Ich bin immer zu spät dran. Wenn ich mal sterbe möchte ich, dass mein Sarg eine halbe Stunde zu spät bei der Beerdigung eintrifft. Auf ihm soll in goldenen Lettern stehen: Sorry, I'm Late.“ So schelmte Axl Rose in einem früheren ROLLING STONE-Interview auf den Vorwurf, er und seine Band würden ja immer so spät mit den Shows beginnen. Diesmal ist er unglaublich spät dran, sagen wir: 15 Jahre.

In 15 Jahren können ganze Volkswirtschaften vor die Hunde gehen, politische Systeme kollabieren oder elektronische Kulturrevolutionen unser Leben radikal verändern. Katastrophen können die Welt auf den Kopf stellen. Modern Talking können sich wiedervereinen.

Als Guns N´ Roses vor 15 Jahren, am 17. Juli 1993 im Estadio de River Plate in Buenos Aires ihren letzten gemeinsamen Auftritt spielten, waren sie noch Ikonen. Überlebensgroß. Ihr Debüt Appetite for Destruction (1987) war ein Denkmal für alles, was Spass macht: Hard Rock, Punk, Glam, Blues. Aus Use Your Illusion I+II (1991) schmissen sie sage und schreibe sieben Singles auf den Markt, die Videos rotierten ohne Unterlass auf MTV. Die Mädchen waren verknallt in Axl Rose, sie wollten ihn zähmen. Das wilde, neurotische, Fotografen verprügelnde Problemkind. Feuerrote Haare, fiebrige Augen. Ein Mann im Kampf mit sich und der ganzen Welt drum herum.

Wie er - anscheinend - tickte, konnte man zum Beispiel in der Singleauskoppelung You Could Be Mine exemplarisch hören, es war auch der Soundtrack zu Terminator II. Das passte zu gut, denn Rose schien selbst einer zu sein. Im halsbrecherischen Mittelteil spuckt er Gift und Galle. Hysterische Wortsalven über böse Frauen und böse Anwälte, Albträume und Selbstzerstörung. Slashs Gitarre klingt wie eine Horde Kreissägen, Duff McKagans Bass schnaubt und schiebt sich wütend in die Höhe, bis ein Trommelfeuer aus Matt Sorums Schlagzeug ein letztes Mal den Refrain einläutet. Wie Rose das Wort „mine“ sang, eher zischte und fauchte – es klang gefährlich. Genau das war der Rock den man als Teenie brauchte, um den anderen in der Klasse, die Snap und Roxette hörten, den Mittelfinger zu zeigen.

Nun, die Neunziger schritten voran, der alte Hard Rock mit samt seiner trivialen Attitüde (Rock, Girls, Partytime und nochmals Rock!) und seinem großspurigen Symbolinventar (Light Shows, Klamotten, Verstärkertürme bis unter die Konzerthallendecke) hauchte sein Leben aus. Der neue, angesagte Rock wechselte fast im Fünfjahresrhythmus. Auf Grunge und Crossover folgte die Nu Metal-Plage, dann kam der Retroschick der Strokes et al., und dann die bemühte Avantgarde der 2005er Bands aus dem Vereinigten Königreich. Rose verbrachte die Zeit damit, ein Album zusammenzuzimmern, auf dem keiner seiner alten Mitstreiter auch nur eine Note spielen würde – und von dem man nicht wusste, ob man es wirklich hören wollte. Dieser Mann erschien zu abgetakelt, zu unheimlich, um noch ernsthaft mitspielen zu können. Ein fetter Elvis, der glaubt, die ‚kids’ wollten ihn immer noch sehen. Ein abgewracktes Frankenstein-Monster, das aus der Versenkung springt und „Rock ´n´ Roll!!!“ brüllt.

Was für Zeitabstände! Seit 1993 brachte die Band kein reguläres Studioalbum mehr heraus. Seit 1995 wurde an Chinese Democracy rumgewerkelt. Die Frage nach dem endgültigen Veröffentlichungstermin geriet zum hämischsten Treppenwitz der Rockgeschichte. Dr. Pepper bot sogar jedem Amerikaner eine kostenlose Dose Zuckerbrause an für den Fall, dass es noch in diesem Jahr erscheinen sollte. Um den Produktionsaufwand zu beschreiben, reichen die Superlative der deutschen Sprache kaum aus: 13 Jahre, 14 Studios, Unmengen an Geld und eine Herrschaar von Sessionmusikern.

Und diese Odyssee steht in keinem Verhältnis zur Enttäuschung, die einem bereitet wird.

Better ist eine Singleauskopplung, und wäre ein Großteil der 14 Songs so geraten, könnte man dem Monster auf die Schulter klopfen und sagen: nicht schlecht. Auch wenn die ersten dreißig Sekunden an Linkin Park gemahnen. Ein schöner, breitbeiniger Rocker. Saftige, satte Akkorde. Man plustert beim Zuhören impulsiv den Brustkorb auf. Aber der Rest von Chinese Democracy ist ein veritabler Schuss in den Ofen. Mit aufgedunsenem Edelsound getarntes Mittelmaß. In China gibt es keine richtige Demokratie, und auf diesem Album gibt es keinen richtigen Rock. Und neu ist nur die Aufmachung, das Corporate Design spielt mit realsozialistischer Visualität.

I.R.S. ist ein hüftlahmer Schwachstromrocker, wie es ihn auf dieser Platte häufig gibt. Mitunter spielen Axl und seine Studio-Armee auch einen seifigen, sterilen Radio-Pop an, der jenseits von gut ist - nicht von böse (Madagascar, This I Love). Bubibraver Biedermeier. Unter dem Popanz aus Electro-Drums, Streichern und Chören fault und keimt fast ausnahmslos schwaches Songwerk. Und es hilft nicht, mediokre Refrains Hey Jude-artig ins Unendliche mäandern zu lassen, wie in There Was a Time. Mit Anlehnung an Aldous Huxley: drei Millionen Wiederholungen ergeben weder die Wahrheit, noch gute Musik.

Die Gitarren klingen mitunter gediegen, aber gegen den messerscharfen Sound, den Slash mit dem klassischstem Zubehör, einer Gibson und einem Mashall-Amp zustande brachte, klingen die sechs Saiten hier wie nasse Pappe. Roses Stimme ist nach wie vor eigenwillig und unverwechselbar. Will heißen, er singt immer noch so aggressiv und aufgekratzt wie eine gedopte Wespe und so missmutig und misanthropisch wie Arno Schmidt und die Aldi-Brüder zusammen.

Das Fazit. Auf der Minusseite: ein Album, so aufregend wie ein Stück Fleisch, das man gekocht statt gegrillt hat. Verschwendete Zeit, verschwendetes Geld. Auf der Plusseite? Vielleicht die Genugtuung, dem Großkapitalisten von Dr. Pepper ein's reingewürgt zu haben. Rose wird der neue amerikanische Volksheld, der seine Landsleute in der großen Wirtschaftskrise mit kostenloser Limo versorgt. Zum Rock-Idol reicht es schon lange nicht mehr.


Dieser Artikel erschien zuerst bei mannbeisstmusik.de.