Kann Israel überleben? Das „Time Magazine“ immerhin titelt vorvergangene Woche mit dem Satz: „Why Israel can't win“. Wenn der Staat aber um seine Existenz kämpft, die noch immer von einer Reihe arabischer Staaten nicht anerkannt wird, wenn Millionen Muslime Israel am liebsten ins Mittelmeer schmeißen würden, was heißt das dann: „Israel can't win“? Heißt es, das wir uns verabschieden müssen von der zionistischen Idee, vom Staat der Juden? Immerhin: In Deutschland wächst die Zahl jener, für die ein solches Szenario weniger Schrecken als Ziel ist. Während Israel einen ihm aufgezwungenen Krieg führt, passiert hierzulande Gefährliches. Für eine schweigende Mehrheit der Deutschen ist Jerusalem die Hauptstadt des Aggressors, nicht Gaza-Stadt oder Damaskus.

Es ist beinahe gespenstisch: Jedes Mal, wenn es Krieg führt, wendet sich die öffentliche Meinung gegen Israel. 2006: Der Raketenbeschuss der Hisbollah auf Nord-Israel ist unerträglich, ebenso die Entführung israelischer Soldaten. Wie soll die Regierung eines Landes reagieren, wenn Millionen seiner Bürger sich Tag und Nacht in Bunkern verstecken müssen, um der Raketengefahr zu entgehen, wenn viele von ihnen danach ihre Häuser in Schutt und Asche und Verwandte verletzt oder getötet finden? Wenn weite Teile eines Landes, gerade mal so groß wie Hessen, wochenlang im Ausnahmezustand leben? Wir reden von einem Land, das die Jahren zuvor unter Angst vor den ständig wiederkehrenden Selbstmordattentaten lebte.

2008: Dutzende Raketen fliegen seit Monaten jeden Tag auf die Städte Sderot, Aschkelon oder das etwas weiter von Gaza entfernte Beerscheba. Und das, obwohl die Regierung Scharon unter größten innenpolitischen Mühen alle israelischen Siedler zwang, den Gaza-Streifen zu verlassen und diesem der Kontrolle der Palästinenser übergab.

Noch beunruhigender ist, dass Israel-Feindlichkeit nicht mehr nur aufflackert, wenn das Land in einen Krieg verwickelt ist. Stattdessen summieren sich diese Aufreger zu einer latenten Stimmung im Lande. Es ist eine generelle Antipathie Israel gegenüber, eine Emotion. Emotionen haben es an sich, Tatsachen zu ignorieren.

Eine solche wäre, dass der behutsam vorbereitete Krieg gegen die Raketenkrieger der Hamas gerechtfertigt ist, wie er stattgefunden hat. So groß die Trauer über 1400 tote Palästinenser sein mag, die Schuld daran trägt nicht Israel, sondern die Hamas selbst. Ihre Milizen verstecken sich in Schulen und Wohngebieten, um Frauen und Kinder als zivile Schutzschilder zu missbrauchen, sie nehmen ein Volk in Geiselhaft und sind das Hindernis bei der Öffnung der ägyptischen Grenze: Kairo hat schon genug mit Terroristen im eigenen Land zu tun. Regierte im Gaza-Streifen die Fatah, längst fuhren ägyptische Ambulanzen durch die Straßen, längst hätten die Kliniken Medikamente.

Doch all das ist Kalkül: Israelische Tote sind für die Hamas gut. Palästinensische Opfer aber sind es genauso, denn jedes tote palästinensische Mädchen ist eine Geschichte für die Propaganda der Terrororganisation: Israel sei schuld, schreit diese in diese dann in die Welt, es führe einen unverhältnismäßigen Krieg auf Kosten der Bevölkerung des Gaza-Streifens. Das ist die Strategie der Hamas, sie ist pervers – und sie funktioniert: Wer spricht in Europa noch über die israelischen Toten, die dem Raketenterror zum Opfer fielen?

Es ist offenbar schick, sich über das Leid der Palästinenser zu echauffieren und ganz klammheimlich jede Überlegung, jede sachliche Argumentation in der Kriegsschuldfrage zu ignorieren oder totzuschweigen. Stattdessen wird Israel Aktionismus, Kriegstreiberei unterstellt, die von Paranoia zeugten.

Ein Gedankenspiel: Deutschland wäre umgeben von Staaten, die es lieber heute als morgen von der Landkarte verschwunden sehen wollten und Terrorclans unterstützten, die sich in regelmäßigen Abständen in unseren U-Bahnen, auf Massenkonzerten, in ICE-Waggons in die Luft sprengten. Wie würden wir uns verhalten? Immerhin mehrten sich schon 1977 in Deutschland die Stimmen, für RAF-Mitglieder die Todesstrafe zu rehabilitieren.

Angenommen, heute, im Januar 2009, würde die „Tagesschau“ melden: in Hamburg 19 Tote. Übermorgen in Stuttgart noch mehr. Wie viele werden es in fünf Tagen in München sein? Drahtzieher ist immer die gleiche Terrororganisation, ferngelenkt – sagen wir, aus Paris. Wie schnell würde in Deutschland der Ruf nach einem härteren Vorgehen laut, wie viel Prozent bekämen rechte Populisten bei den nächsten Landtagswahl? Wie lange würde es dauern, bis militärische Pläne auf den Tisch kämen, bis Spezialisten der Bundeswehr gezielte Tötungen von Terrorverdächtigen vorschlügen?

Für den Staat der Juden ist diese, uns fremd wirkende Situation, tagtägliche Realität. Er liegt umgeben von feindlich gesinnten, arabischen Autokratien und Gottesstaaten. Wenn Irans Ahmadinedschad mit der Atombombe liebäugelt, wird er die erste für Tel Aviv reservieren. Was, wenn Syriens Präsident Abbas seine Militärmaschine heißlaufen lässt? Wenn die libanesische Hisbollah ihre Solidarität mit der Hamas von Norden her mit Raketen bekundet. Sprechen wir dann noch immer von israelischen Kriegsverbrechen, verweigern die Solidarität und unterstützen somit aus einer heilen, mitteleuropäischen Welt heraus latent den islamistischen Terrorismus?

Israel ist so bedroht wie lange nicht. Wer ihm in dieser Situation das Recht auf militärische Verteidigung abspricht, spricht ihm sein Existenzrecht ab. Das mögen manche, die Israels Militärpolitik kritisieren, unbewusst tun. Schlimm genug. Andere stellen Israel durch ihre Kritik bewusst in Frage.

Noch kursieren antiisraelische Stimmungen vor allem in den Köpfen oder verschämt in kleinen Zirkeln. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis sie im großen Stil in Deutschland salonfähig werden?