| Gegen 9 Uhr 30, später heißt es 9 Uhr 45, bricht an der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart das Chaos aus. Ein Amokläufer soll „viele Menschen“ erschossen haben. Er ist auf der Flucht.
Das sind die bis dahin bekannten Fakten. Nahezu die einzigen, die an diesem 11. März um 12 Uhr bekannt sind. Alles andere ist vage und Gerücht. Trotzdem müssen die Nachrichtensender mit dieser unsicheren Faktenlage auf Sendung gehen und fast ununterbrochen Programm machen. Das geht eben nicht mit Fakten, so lange keine da sind – nur mit Gerüchten und Emotionen.
Emotionale Endlosschleifen
Bereits um 12 Uhr 15 hat N24 eine Psychologin ins Studio gepflanzt, die über den Amokläufer an und für sich doziert. Über sein psychisches Profil, den familiären und sozialen Hintergrund, wie jemand überhaupt zum Amokläufer wird, was ihn zur Tat treibt. Das macht pragmatisch bestimmt Sinn, Experten sind ja immer gut. Aber zu diesem Zeitpunkt weiß man noch gar nichts über den Täter, der in den nächsten Tagen für Schlagzeilen und Diskussionen sorgen wird. Immerhin gibt es Präzedenzfälle, die heute noch oft bemüht werden. Erfurt, Emsdetten, Köln-Weiden.
Auf n-tv steht eine junge Reporterin im größten Chaos. Der Täter ist auf der Flucht und, wie sich jeder denken kann, gefährlich. Heulende Polizeisirenen, Sondereinsatzkommandos mit schwerem Geschütz, eine evakuierte Schule. „Gespenstisch“, das ist ein Wort, das die junge Frau hilflos bemüht und noch oft fallen wird, auch auf anderen Sendern. Die Bilder vom Tatort wiederholen sich immer wieder: Polizisten, die sich auf den Einsatz vorbereiten, den Tatort inspizieren, ein Feuerwehrmann schließt die Tür eines Fahrzeugs. Mehr Bildmaterial gibt es wohl noch nicht. Eine Endlosschleife des Ausnahmezustandes.
Phoenix versucht es mit Korrespondenten und Reportern vom lokalen Radio. Auch die erfahren wenig bis nichts, denn ca. eintausend Einsatzkräfte jagen gerade einen Todesschützen. Man sieht keine Nachrichten, eher einen perfekter Thriller. Dazwischen eine kurze, sehr improvisierte Pressekonferenz um 12 Uhr 30 mit einem Einsatzleiter und dem Landespolizeipräsident von Baden-Württemberg. Man sieht die junge Reporterin von n-tv wieder, energisch hält sie den mit Mühe gefassten Menschen ihr Mikro vor die Nase.
Aus den Newszentralen schallen immer die gleichen, hilflosen Fragen: Wie sieht es vor Ort aus? Wie geschockt sind wohl die Menschen? Beschreiben Sie doch mal die Szenerie!
Die Gerüchte schießen wild ins Kraut: es ist von neun oder zehn Toten die Rede, dann wieder acht. Dann: mindestens zehn Tote, davon – vermutlich – ein Lehrer. Die Zahl wird irgendwann obsolet, denn der Täter erschießt auf der Flucht ins 40 Kilometer entfernte Wendlingen weitere Menschen. Am Schluss sollen es sechzehn Tote sein. Mindestens. Verletzte gibt es auch, aber die sind weniger interessant.
Man hat gehört, er sei allein. Dann heißt es kurz, er hätte einen Komplizen gehabt. Wenig später ein Interview mit der Polizei: nein, doch nur einer, von einem zweiten weiß keiner was. 17 Jahre alt, oder doch ein 25-Jähriger? Nein, 17. Schwarze Kleidung soll er getragen haben, dann: ein Kampfanzug. Sein Vater soll zu Hause Waffen haben, später ist von einem „Waffenarsenal“ die Rede.
Mittagspause. Jeder Sender verschafft sich auf seine Art eine Atempause. Bei N24 gibt es Werbung, n-tv schaltet kurz zur Börse. Doch Amokläufe scheren den DAX in aller Regel nicht. Phoenix betreibt ein bisschen Ursachenforschung und sendet eine Dokumentation über den (vermutlich) verhinderten Amoklauf am Georg-Büchner-Gymnasium in Köln. Der Verdächtige schmiss sich nach einer Unterredung mit Schulleitung und Polizei vor eine Straßenbahn. Man hatte ihn nach Hause geschickt, ohne Beobachtung. Von gravierenden Fehlern ist nachher die Rede. Die Kamera begleitet zwei ehemalige Mitschüler, beides Außenseiter. Sie berichten über die schlechte Stimmung an ihrer Schule. Psychologische Beartung gäbe es dort seit geraumer Zeit nicht mehr – die sei dem Rotstift zum Opfer gefallen. Es käme ja nur noch darauf an, sich anzupassen und sich darzustellen. Hilfe gab es auch von den Lehrern keine. „Ich hab nach dem Aufstehen geweint und wollte da einfach nicht mehr hin.“
Die erste Politikerin, die sich vor eine Kamera traut, ist Familienministerin Ursula von der Leyen. Sie formuliert adrett und staatstragend. Es sei so wichtig, präventiv tätig zu werden. Schulen und Eltern müssten „Erziehungspartnerschaften“ bilden.
Nein wirklich?!
Ein Tusch. Auf N24 quasselt der erste Psychologenexperte von gewaltverherrlichenden Computerspielen, aber genaue Aussagen könnte er da natürlich keine machen. Denn noch kennt man nicht einmal den Namen des Täters. Auf n-tv werden zum ersten Mal kleine, aufgewühlte Kinder vor die Kamera gezerrt. Vermutlich das Unsinnigste, was einem Fernsehteam einfallen kann. Aber das ist wohl nicht fernsehtauglich genug gedacht.
Um 13 Uhr 28 geht endgültig die Meldung um, der Täter sei tot. Erschossen oder Selbstmord, aber auf jeden Fall tot. Die BILD-Zeitung meldete zuerst, danach zogen die Nachrichtenagenturen nach.
Die erste große Pressekonferenz. Auch Ministerpräsident Günther Oettinger ist geschockt, sein Mitgefühl sei in diesem Augenblick bei den Angehörigen der Opfer und der Mitschüler. (Oder sagte das Bundespräsident Horst Köhler? Man weiß es nicht mehr.) Gemein sei die Tat gewesen. Die Schule, so Oettinger, sei ein Ort des Miteinanders, ein Ort der Zukunft, ein Ort der Nächstenliebe.
Die Dokumentation auf Phönix kennt er vermutlich nicht.
Geschockt, betroffen, erschüttert
‚Darüber kann man im Augenblick wenig sagen.’ ‚Das sind erst mal nur Spekulationen.’ ‚Etwas genaueres weiß man noch nicht.’ Und so weiter und so fort.
Drei Fernsehsender, die vorrangig für die Verbreitung von Nachrichten zuständig sind. Sie müssen senden, doch Nachrichten von Nachrichtenwert gibt es lange Zeit so gut wie gar nicht. Stattdessen viele Emotionen. Wir wissen nichts. Außer, das alle erschüttert sind. Aber das sind doch keine Nachrichten, oder?
Trotzdem wird dieser (Medien-)Tag noch lange durch die Seminare der Universitäten und Journalistenschulen geistern. Denn zum ersten Mal waren die bekannten Internetnetzwerke wesentlicher Bestandteil der Berichterstattung.
SchülerVZ, Facebook, My Space. Überall dasselbe: der User ist geschockt, betroffen, erschüttert.
Mittlerweile geistert ein erste Name durch die Medien: Tim K., später Tim Kretschmer. n-tv nimmt bereits seine Profilseiten unter die Lupe.
Besonders penetrant nimmt sich der Hinweis auf den ‚Nachrichtendienst’ twitter aus, der überhaupt keiner ist. Sondern ein Mikro-Blogging-Dienst, bei dem Otto Normal-User untereinander Kurznachrichten jedweden Inhaltes austauschen können. Über das Netz und per SMS. Ungefiltert, unüberprüft. Wie dieses gegenstandslose Dauergeschnatter Bestandteil einer Nachrichtensendung werden kann, bleibt das Geheimnis von n-tv. Man erfährt nichts, aber jeder kann wissen, dass andere Menschen im Land geschockt, betroffen und erschüttert sind. Was der zuständige Redakteur in der Live-Schalte auch bestätigt: „Die Menschen wollen wissen, was die anderen Menschen gerade bewegt.“ Immerhin fragt der Moderator nach: „Klingt das alles für Sie nun informiert, oder eher verwirrt?“ Na ja, es stimme schon, das man als Journalist das alles erst mal überprüfen müsse. Das passiert bei twitter nicht. Aber noch was: „Ich zeig Ihnen mal, wie twitter funktioniert…“. Danke, kein Bedarf.
Auf Phoenix mahnt ein Psychiater zur Vorsicht: man solle sich vor vorschnellen Aussagen hüten, etwas Genaueres könne man zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Ja, das hatten wir schon. Nur halten sich die meisten irgendwie nicht dran.
Emotionale Verwirrungen
Man kann sich die Frage, was ein durchschnittlicher Medienkonsument mit so einer Berichterstattung anfangen soll, fast sparen. Die Neugier auf wirkliche Informationen kann es nicht sein. Eher die gegenseitige Bestätigung und Vergewisserung, emotional berührt zu sein.
Man kann sich auch die Debatten der folgenden Tage zu gut ausmalen. Die Computerspiele sind schuld, die Medien sind Schuld, die böse Musik ist schuld. Solche Klassiker hat bestimmt jemand im Sonderangebot.
Man hat die moralischen Appelle jetzt schon im Ohr. Eltern, sprecht mehr mit euren Kindern! Lehrer, achtet mehr auf eure Schüler! Politiker, tut mehr für die Bildung und die Infrastrukturen! Schafft mehr pädagogische Angebote (vermutlich die, die vorher gestrichen wurden). Und ja, Medien: Bitte nicht immer so sensationsgeil! Das könnte andere Kandidaten zur Nachahmung animieren.
Tolle Idee! Merken die sich bestimmt.
Vielleicht wird auch über Mobbing an deutschen Schulen gesprochen. Auffällig scheint zu sein, dass alle School Shooters, sei es hier oder in den USA, Außenseiter waren, die sich im Grunde ihres Herzens nichts sehnlicher wünschten, als akzeptiert zu werden. Darüber zu reden wäre gut, doch das wird nichts am Problem ändern. Denn Außenseiter gibt es überall, doch nicht alle kommen auf die Idee, ihre verhasste Schule auszulöschen.
15 Uhr 50. Auf n-tv sprechen ältere Schüler zum ersten Mal vor der Kamera über Tim K.: „Der war immer ganz ruhig und zurückhaltend, der hat nie einen Ton gesagt“. Natürlich. Mit Ansage. |